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von Andreas Brauns
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Das Kirchenlexikon - O wie Option für die Armen

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In einem Artikel über die Kirche in Südamerika bin ich beim Lesen mehrfach über den Begriff "Option für die Armen" gestolpert. Was bedeutet das: "Option für die Armen"?

Der Begriff Option heißt so viel wie "Wahlmöglichkeit". Ich habe also die freie Wahl, mich für oder gegen etwas zu entscheiden. "Option für die Armen" heißt für die Kirche in Lateinamerika: Wir entscheiden uns, auf der Seite der Armen zu stehen.

Kirche in Sao Paulo

Jahrhundertelang hatten die Bischöfe in Süd- und Mittelamerika und in der Karibik die Armen ausgeblendet. Nicht nur in El Salvador, Mexiko, Honduras und Nicaragua war die Kirche eine Kirche der Wohlhabenden. Doch wie passte das zu dem Gott, von dem in der Bibel die Rede ist? Er ergreift Partei für die Armen und verschafft ihnen Recht. Und seine Propheten kündigen einen Retter an, der den Armen die Botschaft von der Befreiung bringt.

Viele Bischöfe Lateinamerikas sahen sich vor gut 40 Jahren in der Pflicht. Nach dem Ende des II. Vatikanischen Konzils, der großen Kirchenversammlung in Rom. Das Konzil hatte erklärt: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi" (Gaudium et spes, 1).

Radikaler Einsatz für die Armen

Und so kam es 1968 auf der Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas im kolumbianischen Medellín zu einem radikalen Kurswechsel: Die Kirche wollte sich nicht mehr abfinden mit der Unterdrückung der Armen. Jetzt kritisierten die Bischöfe die Lebensbedingungen, die ungeheuren sozialen Ungerechtigkeiten. Sie hörten den stummen Schrei von Millionen von Menschen. Manche Kirchenführer redeten den Verantwortlichen, den sog. Eliten ins Gewissen, um ihnen ihre Pflichten bewusst zu machen. Doch die Mächtigen lehnten diese Bischöfe ab, bekämpften sie, ließen sie ermorden.

In der Kirche kam es zu Konflikten mit den Befreiungstheologen, die sich radikal für die Armen einsetzten. Trotzdem: Die Entscheidung der lateinamerikanischen Bischöfe vor gut 40 Jahren war so etwas wie eine Initialzündung für die ganze katholische Kirche. Im "Einsatz für die Armen", in der "Option für die Armen", vollzieht sie überall - mehr oder weniger - nach, was die Bibel von Gott erzählt. Die Kirche hat so ihren Platz gefunden. Der ehemalige Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, hat ihn treffend skizziert: "Der Stammplatz der Kirche ist an der Seite jener Menschen, die am Rand und im Schatten stehen." Das ist die Konsequenz der "Option für die Armen".

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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