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I / J

von Andreas Brauns

"Ich habe mal eine Frage zur Bibel: Da wird doch in den Evangelien berichtet, wie Jesus im Tempel in Jerusalem für Aufruhr sorgt. Er wirft die Händler und Geldwechsler raus. Warum macht er das?"(Mk 11,15-19)

Da sind sich die Bibelgelehrten leider nicht ganz einig. Lange Zeit wurde die Szene verstanden als ein Akt der Rebellion für die Armen. Für alle, die die Tempelsteuer nicht zahlen konnten und vom Kult ausgeschlossen waren, weil sie kein Geld für Opfer hatten: Für Wein oder etwa für Tauben. Einige Gelehrte haben in dem Verhalten Jesu auch eine radikale Ablehnung des gesamten Opferkultes gesehen. Doch Jesus hat nicht die Opfer abgelehnt, er hat mit seinem Handeln das Geschäftemachen im Tempelbezirk verurteilt. Nicht nur Geldwechsler, die unterschiedliche Währungen in die Tempelwährung eintauschten, und Händler verdienten am Kult. Sie hatten ihre Konzessionen von den Herren des Tempels: Den Schriftgelehrten und Hohenpriestern. Und die verdienten wohl prächtig an der besten Einnahmequelle im Land. So wurden sie Jesus zu hasserfüllten Gegnern.

Nahezu alle Bibelgelehrten stimmen darin überein: Die Szene im Vorhof des Jerusalemer Tempels ist keine Erfindung der Urchristen. Denn es gibt kein Vorbild dafür. Der friedfertige Jesus hat also vermutlich wirklich so gehandelt: gegen Händler, Käufer und Geldwechsler. Allerdings: Die Aktion ist wohl kaum aufgefallen im riesigen Vorhof des Tempels. Der war gut 450 mal 300 Meter groß. Wäre sie aufgefallen, hätte die Tempelwache eingegriffen. Doch davon ist in der Bibel nichts zu lesen.

Jesus provoziert die Tempelaristokratie - nicht zuletzt mit einem Wort Gottes, das an den Propheten Jesaja ergangen ist. Da heißt es über den Tempel: "Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein."

Doch die Realität in Jerusalem sieht anders aus: Da ist der Vorhof des Tempels, den auch Heiden betreten dürfen, eine Markthalle, eine Räuberhöhle, wie Jesus sagt. Für die Tempelaristokratie zählte der Vorhof nicht. Jesus sieht das anders. Und so tritt er im Vorhof der Heiden ein für die Heiligkeit des gesamten Tempelbezirks. Er radikalisiert sozusagen die Vorschriften: Der ganze Tempelbezirk ist ein Ort des Gebetes! Das aber bedeutet: Auch Heiden können im Vorhof zu Gott beten.

Für die Herren des Tempels eine ungewöhnliche Sichtweise. Da kritisiert ein Mann aus Galiläa die gängige Tempeltradition. Und weil seine neue Lehre ihn so beliebt macht bei den Leuten, haben die Herren des Tempels Angst vor ihm und wollen ihn zum Schweigen bringen, ihn töten, so die Bibel.

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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