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von Jan von Lingen

"Wenn ich irgendetwas tue, was nicht in Ordnung ist, habe ich schnell ein schlechtes Gewissen. Meine Frage ist: Was ist eigentlich das Gewissen? Ist das die Stimme Gottes in mir? Kann man das so sagen?“

Auf jeden Fall ist das Gewissen so etwas wie eine innere Stimme. Es meldet sich ja schon im Kleinkindalter, wenn da oben im Regel diese leckere Schokolade lockt. Als Jugendlicher meldet sich das Gewissen beim Griff ins Portemonnaie der Eltern zu Wort, dann als Erwachsene, wenn ein Stift oder etwas anderes aus dem Büro oder der Firma "zufällig" in die eigene Tasche wandert. Das sind meist nur kleine Gewissensbisse - daneben gibt es aber auch die großen Gewissenskonflikte: im Geschäftsleben, in der Politik, in der Beziehung, in der Ehe. Was ist richtig, was falsch?

In Karikaturen wird das manchmal so dargestellt: Da gerät ein Mensch in eine Verlockung, eine Versuchung, einen Gewissenskonflikt. Und schon flüstert ein kleines Teufelchen in das eine Ohr: los, greif zu, das machen doch alle so. Ins andere Ohr flüstert ein Engelchen: nein, tu das nicht. Du weißt, doch was richtig ist! Engelchen und Teufelchen - das sind nette Zeichnungen, die deutlich machen: Ja, das Gewissen ist eine innere Stimme, manchmal sind es sogar mehrere Stimmen, die wir hören, denn unsere Wertvorstellungen melden sich zu Wort.

Das Gewissen schärfen

Aber diese guten Werte sind immer in Gefahr. Der Schriftsteller Erich Kästner hat einmal gewarnt, das Gewissen sei "um 180 Grad drehbar". Er hat früh die Gefahren des Nationalsozialismus erkannt und darunter gelitten. Darum hat Martin Luther einmal gesagt, man müsse das Gewissen "schärfen" wie eine Säge oder eine Axt, die mit der Zeit stumpf wird. Und das bedeutet: Wir müssen uns darum immer wieder klar machen, welche Werte uns eigentlich wichtig sind und mit anderen Menschen verbinden. Außerdem brauchen wir Vorbilder, die uns zeigen, wie man den geraden und guten Weg gehen kann. Das können Eltern sein, Lehrer, Freunde, Politiker - manchmal werden wir selbst für andere zu Vorbildern, ohne es zu wissen.

Ist das Gewissen aber auch "Gottes Stimme"? Ich würde das so verstehen: Wenn mein Gewissen an die Zehn Gebote oder das Gebot der Nächstenliebe gebunden ist, dann kann es zu einer "Stimme Gottes" werden.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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