Vereistes Herbstlaub liegt auf dem Boden © NDR Foto: Sandra Mago aus Waren

Wenn die Tage kürzer werden

Sendedatum: 16.10.2020 19:05 Uhr

Die dunkleren Tage legen sich oft wie ein Schleier über die Seele. Menschen sind schneller enttäuscht, dünnhäutiger und haben mehr Sehnsüchte - nach hellen Momenten.

von Probst Andreas Crystall

Ich bin echt gespannt, wie das wohl in diesem Herbst wird. Seit Jahren beobachte ich an mir und an anderen: Wenn die Tage kürzer werden, wird auch die Geduld kürzer. Wir rutschen in so eine Art milde seelische Verdunkelung.

Seelsorger bekommen im November mehr zu tun

Nicht nur die Blätter fallen, sondern auch die eine oder andere Hemmung. Es ist wirklich auffällig. In meinem Arbeitsumfeld ploppen immer so bis etwa Weihnachten irgendwo irgendwelche Konflikte hoch, man streitet sich über Kleinigkeiten, ist latent grundnervös und enttäuscht, dass die angeblich so besinnliche Zeit gar nicht so besinnlich ist. Seelsorger haben im November mehr zu tun als sonst, und im Dezember noch mehr. Ehen zerbrechen oft vor Weihnachten. Streit in Familien gibt es angeblich häufiger als sonst. Und der Volksglaube sagt auch, man soll im Herbst und Winter nicht heiraten, nicht den Job wechseln, nicht umziehen, also nicht in die dunkle Jahreszeit hinein ziehen. Nestbau ist besser für den Frühling, da liegt mehr Segen drauf.

Mit Weihnachten geht das Licht in den Seelen wieder an

Ein geworfener Stein lässt das Wasser am Strand von Bockholm aufspritzen. © Kristina Puck Foto: Kristina Puck
Im Herbst laufen die inneren Uhren etwas anders.

Ich hab auch das Gefühl, je dunkler die Tage, desto wacher werden wir für unsere eigenen Sehnsüchte. Verletzlicher, mehr Sensibelchen als sonst. Ich finde das aber nicht schlimm, im Gegenteil. Diese Zeit hat ihren Wert und ihren Sinn, und man kann sich doch an diese jahreszeitliche Dünnhäutigkeit zumindest ein bisschen auch gewöhnen, oder? Tut uns ja auch mal gut, den inneren Seismographen etwas empfindlicher einzustellen. Ist gut für mich und erst recht gut für andere. Und eigentlich geht uns mit Weihnachten in den Seelen das Licht auch wieder an. Also bewusst und mutig rein in diese dunklen Tage.

Gespannt bin ich aber, ob dieser Herbst uns noch mal ganz anders herausfordert. Wer weiß, was der noch mit uns macht? Dafür habe ich mir vorsichtshalber schon mal ein altes Bibelwort rausgesucht, gewissermaßen als Anti-Dünnhäutigkeits-Prophylaxe: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn (Jakobus 1,19). Bleiben Sie behütet.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 16.10.2020 | 19:05 Uhr

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