Sendedatum: 28.06.2020 07:30 Uhr

Christos Kunst hat Menschen glücklich gemacht

von Pastor Marco Voigt
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Rund 100.000 Quadratmeter Stoff verhüllen im Sommer 1995 den Berliner Reichstag.

In dieser Woche ist es 25 Jahre her: das Verhüllen des Berliner Reichstags durch Christo und Jeanne-Claude. Über zwanzig Jahre hatte die Vorbereitung für das umstrittene Projekt gedauert, der Bundestag hatte lebhaft darüber diskutiert und dann abgestimmt. Gott sei Dank haben sich die Befürworter am Ende durchgesetzt. Denn nun erleben im Sommer 1995 über fünf Millionen Menschen den Reichstag so, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen haben und wie sie ihn auch nie wieder werden sehen können - verhüllt in silbergraue Stoffbahnen, die von dicken blauen Seilen zusammengehalten werden. Ein ganzes Haus, eingepackt und verschnürt wie ein Paket. Der Reichstag wie aus Eis.

Kunst kann die Welt zu einem besseren Ort machen

Auch ich bin damals extra nach Berlin gefahren, um dabei zu sein und den "Wrapped Reichstag" zu sehen, und war wie so viele begeistert. Die Kunst des Künstlerehepaars war besonders. Ein Ereignis, nur für wenige Wochen zu sehen, um danach wieder völlig zu verschwinden. Ein Spiel mit Bauwerken oder auch mit der Natur, so wie das Projekt "Floating Piers", das es 2016 für nur sechzehn Tage möglich machte, auf mit gelbem Stoff bespannten Stegen über das Wasser zu wandeln.

Durch ihre Kunst haben Christo und Jeanne-Claude verhüllt und verfremdet und genau dadurch die dahinterliegende Schönheit erst sichtbar gemacht. Kunst kann die Welt erstrahlen lassen und sie zu einem besseren Ort machen.

Christos und Jeanne-Claudes Kunst war ein Geschenk

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Christo wollte Kunst machen, die keiner besitzen kann. Das bedeutete für ihn Freiheit.

Und noch mehr als das: Die Kunst von Christo und Jeanne-Claude hat die Menschen glücklich gemacht. Keiner musste Kunstgeschichte studiert haben, um sie zu verstehen. Niemand Eintritt zahlen, um sie sehen zu dürfen. Und keiner konnte sie nach Hause tragen, um sie zu besitzen. Christos und Jeanne-Claudes Kunst war ein Geschenk im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich glaube, man kann sogar so weit gehen, dass viele Menschen beim Betrachten dieser Kunst ein Gefühl hatten, das man eher in den religiösen Bereich verorten würde. Das Gefühl, bei etwas dabei zu sein, das größer ist als man selbst. Das Gefühl, mit anderen Menschen auf einzigartige Art und Weise verbunden zu sein. Eins zu sein mit der Schönheit, die entsteht, wenn Gottes Schöpfung und das kulturelle Schaffen des Menschen eine perfekte Symbiose eingehen.

Christos letztes Projekt: Verhüllung des Arc de Triomphe

In diesem Jahr wollte Christo der Welt ein weiteres Geschenk machen und den Triumphbogen in Paris verhüllen. Wegen der Corona-Pandemie ist dieses Projekt nun erst im September 2021 möglich. Darauf freue ich mich schon. Und ich glaube, Christo und Jeanne-Claude werden von einem anderen Ort auf ihr Werk schauen und den Anblick des verhüllten Triumphbogens von oben genießen.

Weitere Informationen

Lübecker Firma arbeitet an Christos letztem Projekt

Die Näharbeiten in Lübeck für Christos letztes Projekt laufen: Im Herbst 2021 wird nach seinen Vorlagen der Pariser Triumphbogen verhüllt. Das hat Christo Jahrzehnte lang geplant und vorbereitet. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 28.06.2020 | 07:30 Uhr