Stand: 26.03.2020 15:51 Uhr

Unsterblichkeit - zwischen Traum und Belastung

von Vikar Jaan Thiesen
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Es gibt so viel zu sehen und zu erleben auf der Welt, dass es kaum in ein Menschenleben passt.

"Unsterblichkeit. Ein schöner Gedanke." Dieses Zitat von Heinrich Heine war mal auf eines meiner T-Shirts gedruckt. Daher begleitet es mich auch schon eine lange Zeit. Unsterblichkeit ist tatsächlich ein schöner Gedanke, finde ich. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben auf der Welt, dass es kaum in ein Menschenleben passt. Es gibt Dinge, die Zeit brauchen, wie Versöhnung oder Beziehung - Zeit, die man nicht immer hat. Vor dem Tod habe ich noch so viel zu erledigen. Wer unsterblich ist, der hat diese Sorgen nicht.

Wert in der Begrenztheit sehen

Ich habe meine Konfirmanden mal gefragt, was sie von diesem Zitat halten. Die Gruppe teilte sich etwa in der Mitte. Die eine Hälfte war mit mir einer Meinung. "Unsterblichkeit - das wäre super." Die andere Hälfte sah dagegen den Wert in der Begrenztheit. Gerade die Tatsache, dass man sterblich sei, mache das Leben doch erst spannend. Und bei all dem Leid in der Welt wolle man doch auch gar nicht ewig hier bleiben.

Spannung zwischen Leben und Tod

Ich kann beide Seiten gut verstehen. Unsterblichkeit ist ein schöner Traum - und gleichzeitig auch eine schwere Belastung. In der Passionszeit bedenken wir, wie Gott selbst zum Tod am Kreuz geht. Wie der unsterbliche Gott alles Göttliche aufgibt, um mit uns Menschen zu leben und auch zu sterben. Die Bibel beschreibt das als einen Akt der Liebe. Weil Gott uns Menschen liebt, gibt er es auf, unsterblich zu sein. Gott wird uns gleich und stellt sich in dieselbe Spannung zwischen Leben und Tod, in der wir stehen.

Für mich ist die Passionszeit eine Gelegenheit Gott näher kennenzulernen. Wenn ich mir Geschichte anschaue, die davon handelt, wie Jesus leidet und schließlich für uns stirbt, dann dämmert es mir, wie sehr mich Gott liebt. Wie weit Gott für mich geht. Ein Gott, der seine Unsterblichkeit für mich ablegt - ich glaube, das ist wirklich ein schöner Gedanke.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 28.03.2020 | 19:05 Uhr