US-Präsident Donald Trump streckt die Daumen nach oben auf dem Balkon vor dem Blue Room, als er am Montag ins Weiße Haus zurückkehrt, nachdem er das Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, Md. verlassen hat. © Alex Brandon/AP/dpa/dpa-Bildfunk Foto: Alex Brandon

Trumps Corona-Inszenierung verbiegt Wahrnehmung

Sendedatum: 08.10.2020 19:05 Uhr

Seit Donald Trump an Covid-19 erkrankt ist, fiebert der Globus mit. Diese irre Aufmerksamkeit auf einen Einzigen, die Methode hat, verbiegt die menschliche Wahrnehmung - und lenkt von Wichtigerem ab.

von Probst Andreas Crystall

Was für ein Theater in den vergangenen Tagen: Die ganze Welt schaut einem einzigen Mann aufs Fieberthermometer. Die Medien melden, welche Medikamente verabreicht werden und was das bedeuten könnte. Die Sauerstoffsättigung eines 74-Jährigen beeinflusst die Aktienkurse. Man diagnostiziert eine belegte Stimme und eine leichte Blässe im Gesicht. Was für eine allumfassende Aufmerksamkeit genießt dieser eine erkrankte mächtige Mann, neben der allerbesten medizinischen Versorgung natürlich. Als sei etwas Unglaubliches geschehen, als hätte Gott selbst erhöhte Temperatur, so fiebert der Globus mit, und projiziert Sorgen oder Häme auf die Corona-Erkrankung eines Einzelnen, als gäbe es nur ihn.

Corona: Trumps Show hat Methode

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Die politischen Dimensionen sind mir schon klar. Auch bin ich weit weg von irgendeinem "Siehste" - und gönne dem alten Herrn jede Genesung. Ich bin auch nicht wirklich neidisch darauf, dass nun alle Welt Trump die Temperatur misst. Ich mach so etwas lieber allein. Aber diese irre Aufmerksamkeit auf einen Einzigen, die ja Methode hat, sie verbiegt unsere Wahrnehmung.

Mich ficht das richtig an, das geht mir gegen meinen Glauben, weil all die anderen plötzlich so unbedeutend werden, keine Meldung mehr wert sind, aus dem Fokus verschwinden. Aber die sind noch da. Die an Corona erkrankte Obdachlose in Washington fährt halt nicht mit der gepanzerten Limousine zur internationalen Presse und winkt. Und Moria haben wir ganz vergessen.

Nicht die Menschen vergessen, die es nötig haben

Ich glaube, dass Gott jeden Menschen im Blick hat. Jeder ist Geschöpf und alle Fürsorge und Aufmerksamkeit wert. Das ist uns Grundüberzeugung und Verpflichtung, nur deswegen gibt es die Diakonie, die Caritas und "Brot für die Welt". Gott schaut den Menschen an, unabhängig von Herkunft, Bildung, Reichtum und Bedeutung. Jeden. Und keiner will vergessen sein, ich übrigens auch nicht. Deshalb: Guckt auf die Fieberkurve unserer Welt, gebt lieber denen die Aufmerksamkeit, die es wirklich nötig haben.

Weitere Informationen
Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Corona-Podcast: Diese Medikamente hat Trump erhalten

Die Ärzte haben dem infizierten US-Präsidenten etliche Medikamente verabreicht. Virologin Ciesek wundert sich zumindest über eins. mehr

Eine Laborantin sitzt an einem Mikroskop in einem abgedunkelten Labor © Colourbox

Was Sie zum Coronavirus wissen müssen

Die Corona-Pandemie hat den Alltag massiv verändert. Das Virus hat sich ausgebreitet. Was muss weiter beachtet werden? Was hat die Forschung ergeben? Fragen und Antworten zum Coronavirus. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 08.10.2020 | 19:05 Uhr

Info

Die Evangelische und Katholische "Kirche im NDR" ist verantwortlich für dieses Onlineangebot und für die kirchlichen Beiträge auf allen Wellen des NDR.