Stand: 27.08.2020 12:30 Uhr

Mexikanische Mütter hungern nach Gerechtigkeit

von Julia Heyde de López

Sie ist eine Schatzsucherin: Mirna Medina lebt im Bundesstaat Sinaloa in Mexiko - und der Schatz, nach dem sie suchte, war ihr Sohn Roberto. Er verschwand vor sechs Jahren spurlos. Mirna wandte sich damals an die Behörden der Stadt, in der er verschwand. Doch die waren gleichgültig. Die einzige Antwort, die sie bekam, war, dass man dem nachgehen, aber nicht aktiv suchen wolle. In ihrem Schmerz gab sie ihrem Sohn ein Versprechen - dass sie nicht aufhören würde ihn zu suchen, bis sie ihn findet.

Über 73.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst

Mütter, genannt "Rastreadoras", sind mit Unterstützern in Mexiko auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern. © Dulcina Parra
Viele betroffene Mütter machen sich in Mexiko auf die Suche nach ihren verschwundenen Kindern.

So wie Mirna geht es vielen Familien. Mehr als 73.000 Menschen gelten als gewaltsam verschwunden, so die "Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko". Schuld sind der Drogenkrieg, die hohe Straflosigkeit und dass Behörden häufig mit dem organisierten Verbrechen verstrickt sind. Mirna gründete deshalb zusammen mit anderen betroffenen Müttern die "Rastreadoras" - "die Spurensucherinnen".

Am Anfang sei es schwierig gewesen, aber jetzt gebe es Kontakt zu den Behörden, zu Medien und Bestattungsunternehmen. Wann immer irgendwo ein Körper auftauche, bekommen die Mütter Bescheid.

Betroffene Mütter wünschen sich Wahrheit

Ihre Gruppe erhält Hinweise, oft anonym, wo sich in den Bergen und auf Brachland eine Grabstelle befinden könnte. Mit Stöcken und Schaufeln machen sie sich jede Woche auf die Suche. "Wir als Familienangehörige wollen Wahrheit und Gerechtigkeit", sagt Mirna. "Wir suchen nicht nach Schuldigen. Das ist Aufgabe der Behörden, die müssen das machen. Wir wollen nur Wahrheit und Gerechtigkeit für unsere verschwundenen Schätze."

"Ich werde dich suchen, bis ich dich finde"

Mütter, genannt "Rastreadoras", sind mit Unterstützern in Mexiko auf der Suche nach ihren verschwundenen Kindern. © Dulcina Parra
Weiße T-Shirts stehen für ein Versprechen: " Ich werde dich suchen, bis ich dich finde."

Wer Mirna zuhört, versteht neu, was es heißt, biblisch gesprochen, so sehr nach Gerechtigkeit zu hungern und zu dürsten, dass es weh tut. Sie und ihre Mitstreiterinnen geben nicht auf. "Bei der Suche tragen wir ein weißes T-Shirt, darauf steht unser Wahlspruch, unser Versprechen: Ich werde dich suchen, bis ich dich finde. Und wir haben auch ein grünes T-Shirt, Grün steht für die Hoffnung. Das tragen diejenigen, die ihren Schatz schon gefunden haben. Darauf steht dann: Versprechen erfüllt."

Der 30. August ist der Internationale Tag der Opfer des Verschwindenlassens. Die Suche der Angehörigen geht weiter.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 30.08.2020 | 09:15 Uhr

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