Stand: 01.05.2020 07:30 Uhr

Kolumne: "Systemrelevant"

von Susanne Richter
Susanne Richter © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
"Du bist geliebtes Kind Gottes, egal, was Du leistest", meint Radiopastorin Susanne Richter.

"Deine Arbeit ist nicht systemrelevant." Mein Mann sagt es mit einem Augenzwinkern. Aber ich könnte ihm trotzdem ins Gesicht springen. Leider scheint er Recht zu haben, als Pastorin gehöre ich nach Corona-Richtlinien nicht zu dem Personenkreis, den wir in Deutschland brauchen, um unser Gemeinwesen aufrechtzuerhalten. Fühlt sich richtig doof an. Krass, wie viele Menschen bekommen das auch unabhängig von Corona ständig vermittelt: Auf deine Arbeit können wir verzichten.

"Warum bitte ist meine Arbeit nicht systemrelevant?!" Da freue ich mich richtig, dass mir meine Kollegin just in dem Augenblick sagt, dass Relevanz ursprünglich von "relevare" kommt. Das bedeutet: aufrichten, erleichtern, lindern. Und damit müssten die Berufsgruppen, die sich um das seelische Wohl der Bevölkerung kümmern, auch langsam mal den Titel "relevant" bekommen.

Jeder ist wertvoll und unersetzlich

Alles nur Eitelkeiten? Ich finde nicht, wenn ein Anspruch auf einen Platz in der Kita-Notbetreuung davon abhängt. Natürlich macht es Sinn, dass in akuten Notzeiten erst einmal die Grundpfeiler an äußerer Versorgung sichergestellt werden. Aber wenn die Krise länger andauert? Brauchen wir dann nicht noch mehr um unser System zu stabilisieren? Erst nach meiner kleinen innerfamiliären Ansprache merke ich erst, dass ich einen entscheidenden Punkt übersehen habe bei dem Thema. Aus "meine Arbeit ist nicht systemrelevant" habe ich "du bist nicht systemrelevant" gemacht. Das hat mein Mann nicht gesagt. Aber so ist es bei mir angekommen. "Auf Dich könnten wir auch verzichten."

Wie gemein, dass das so schnell mitschwingt. Und wie viele Menschen ziehen sich genauso wie ich diesen Schuh an und lassen sich auf das reduzieren, was sie auf dem Arbeitsmarkt "leisten". Das tut nicht nur weh, es ist auch im höchsten Maße unchristlich. Der christliche Glaube sagt schließlich: Du bist wertvoll und unersetzlich. Du bist geliebtes Kind Gottes, egal, was Du leistest. Das möchte ich wirklich gerne glauben. Denn mit so einer Freiheit im Herzen können wir Arbeitsdebatten ganz anders führen. Geduldiger, respektvoller, manchmal auch hartnäckiger - auf jeden Fall aber ohne Bedeutsamkeitsdünkel. Mein Herz der Liebe am 1. Mai für alle, die sich darin üben.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 01.05.2020 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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