Stand: 10.01.2018 08:55 Uhr

Kolumne: "Absichtlos im neuen Jahr"

von Susanne Richter

Bin ich froh, dass ich meine guten Vorsätze schon vor Heiligabend aufgegeben habe: Ich bin gerade dabei meine Familie anzuschreien, dass sie es "gefälligst etwas weihnachtlich und gemütlich machen" soll und höre zeitgleich bei NDR 2 meinen eigenen Beitrag bei Moment mal, ich hätte mir vorgenommen dieses Jahr entspannt und humorvoll mit den Feiertagen umzugehen. Ja, mein Leben hat manchmal was von Realsatire.

Auch seelische Erneuerung ist schweißtreibend

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Spirituelle Erfahrungen sind auch beim Meditieren möglich.

Gute Vorsätze für 2018 hab ich also gar nicht erst in Angriff genommen. Und: Ich fühle mich sehr wohl dabei. Seit vergangenem Herbst schon hab ich berechtigte Zweifel, ob ehrgeizige Veränderungswünsche bei mir nicht kontraproduktiv sind. Da ist mir nämlich eine buddhistische Steilaussage in einer Meditationswoche in die Hände gefallen: "lasse das Wollen, lasse die Absicht los." Natürlich war ich empört. Wer sitzt schon absichtslos in einer verdrehten Meditationshaltung und zwingt sich, nicht über die Arbeitslawinen auf dem Schreibtisch oder den uneinsichtigen Ehemann zu grübeln? Wie da, ohne Zielsetzung?! Dafür möchte ich doch bitte mit innerer Entspannung und friedfertigem Geist belohnt werden!

Dicke-Hintern-Kämpfe sind von gestern und "Change-Your-Body-Kampagnen" lassen mich relativ kalt. Die sind nämlich nicht halb so schweißtreibend wie seelische Erneuerungsstrategien: "Ab jetzt lebe ich achtsam, zentriert im 'Hier und Jetzt', aufgeräumt, ausgerichtet auf das Wesentliche, im Einklang." Kurz nach meinem "buddhistischen Aufprall" kam mir dann auch noch mein Christentum in die Quere. Ein Vers aus dem 2. Korintherbrief: "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." Paulus, fällt mir auf, ist nicht gerade der Selbstoptimierungstrainer. Was also will mir das sagen?

Ab und zu mal loslassen

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Wahres Glück liegt im Loslassen, sagt Radiopastorin Susanne Richter.

Erst habe ich gedacht, sich und die Welt ständig verändern zu wollen, hat etwas Liebloses. Und die Psychologie sagt doch auch: Das, was man verändern will, muss man erst annehmen. Heute aber habe ich einen für mich erstaunlich frommen Gedanken dazu - vielleicht geht's um einen Perspektivwechsel? Im Sinne von: "So ist die Welt und so bin ich. Und das ist in vielen Dingen suboptimal. Wenn ich aber tatsächlich davon ausgehe, dass es Gott gibt, dann könnte ich ab und zu loslassen. Und könnte eventuell davon ausgehen, dass durch die ganze verbesserungswürdige Geschichte hindurch etwas von ihm sichtbar wird. Und das wäre dann möglicherweise nicht überall deckungsgleich mit Susanne Richters Verbesserungsstrategien, aber vielleicht viel besser und heilsamer?"

Ich vergebe diese Woche also ein Kreuz des Glaubens für einen für meine Verhältnisse entspannten Start ins neue Jahr.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr