Walnüsse liegen auf einem Jutesack. © Colourbox Foto: Phovoir

Kolumne: "Walnüsse machen froh. Greif zu!"

Stand: 25.10.2020 07:30 Uhr

Gier ist ein tabuisiertes Gefühl. Im Kleinen unsympathisch, im Großen gefährlich. Denn Gier ist nicht nur schuld an Kriegen, sie ist auch Ursache für unsoziale Wirtschaftssysteme und die Klimakrise.

von Susanne Richter

Der Walnussbaum in unserem Vorgarten hat dieses Jahr richtig viel abgeworfen. In einem Anflug an Freigiebigkeit habe ich eine große Kiste mit Nüssen vor unsere Haustür gestellt. Darüber ein Schild, dass man sich bedienen darf. "Na, wenn sie froh machen!", grinst unser Postbote und steckt sich ein paar Nüsse ein für unterwegs. Gestern kommt mein Mann mit Stirnfalte ins Haus gelaufen: "Sie haben sich alle Nüsse eingepackt! Ich habe sie dabei erwischt." Sie, das sind zwei unbekannte alte Damen, die zu uns aufs Grundstück gelaufen sind und sich die Taschen vollgestopft haben. Als sie meinen Mann in der Garage sehen, ist es ihnen hochnotpeinlich.

Gier und Vertrauen passt nicht zusammen

Gier ist ein tabuisiertes Gefühl. Im Kleinen ist es mindestens unsympathisch. Im Großen sogar brandgefährlich. "Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier" - dieser Spruch hing bei uns gleich neben dem "Brot für die Welt"-Plakat im Gemeindehaus meiner Kindheit. Ich habe schnell begriffen: Gierige Menschen sind nicht nur schuld an den Kriegen dieser Welt, sie sind auch Hauptursache für unsoziale Wirtschaftssysteme und für die Klimakrise.

Mein Problem: Ich bin auch gierig. Ich habe mich zwar im Laufe der Jahre sozial-kompatibel hin dressiert, manchmal bricht es aber trotzdem durch und ich kriege den Hals nicht voll. "Geht alles aufs Haus? Super, dann nehme ich doch die dreifache Portion!" Gierig sein hat was Dreistes. Und auch etwas unglücklich-Hungriges. Wer innerlich nicht satt wird, wird gierig. Das Gegenteil von Gier ist Fülle und Vertrauen.

Moral hilft nicht gegen Gier

Susanne Richter © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
"Meine Gier schreit nach Zärtlichkeit", sagt Radiopastorin Susanne Richter.

Aber wie nun damit umgehen? Mit Moral kommt man dagegen nicht an. Gier muss beruhigt werden. Sie schreit nach Zärtlichkeit. Zumindest meine. Die alten Damen hatten es vermutlich wirklich nötig. Mein Herz der Liebe heute für alle versteckt Gierigen. Mit Gott an meiner Seite und Jesus als inneren Coach würde ich so gerne das nächste Mal sagen: "Hinten im Garten gibt es noch mehr! Und kommen Sie doch rein, ich mach uns einen Walnusskuchen."

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 25.10.2020 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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