Stand: 09.01.2019 09:30 Uhr

Kolumne: "Taste the better life"

von Susanne Richter
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Radiopastorin Susanne Richter hofft auf den Untergang des Wortes "besser".

Mein besseres Leben schmeckt nach Pipi-Brause. Dabei steht "Taste the better life" auf der Flasche. Alkoholfreier Sekt, ein Geschenk aus meinem Fitnessstudio zum neuen Jahr. Irgendwas soll besser werden. Sie sagen mir nur nicht was. Mir fällt spontan ein, dass echter Sekt besser wäre. "Das ist nicht gemeint", wird mir gesagt. "Besser ist eine Verheißung." Ah, Verheißung! Das freut mein Theologinnen-Herz natürlich sofort. Ob mir "besser" dabei hilft, bezweifle ich aber.

Das Ding ist doch: Bei "better life" denken meine Eiweiß-Boys im Studio garantiert an etwas anderes als ich, vermute ich. Nein, hoffe ich sogar. Ich finde mein "besseres Leben" nämlich besser als das, was ich ihnen an Sehnsüchten unterstelle. Geschmack von besserem Leben, da denke ich nicht an Proteinshakes, sondern an Rotwein und eine doppelte Portion Spagetti Bolognese nach einer durchtanzten Nacht.

Mehr Gott, weniger besser

Man sieht: Ich brauche nur über "besser" zu schreiben und stolpere schon über die eingebaute Konkurrenzbruchstelle bei diesem Wort. Besser funktioniert nämlich nur mit Vergleichspunkt. Ich bin besser als die Muskel-Jungs, sie sind besser als ich, wir sind besser als ihr. Oder genauso gemein: Ich bin hoffentlich irgendwann besser, als ich es jetzt bin oder früher war. "Besser" steht wahlweise für moralisch überlegen, einflussreicher, gebildeter, beliebter, zentrierter, informierter, sozialer, reicher, gesünder, schöner.

Das kann vielleicht mal motivieren, meistens verkommt "besser" von "better life" im Alltagsgebrauch dabei aber zur Ego-Nummer. Selten geht's da nämlich noch um ein "wir". Um das gemeinsame bessere Leben. Übrig bleibt allein das Ich mit dem Mantra: Das, was ist, muss sich verändern, es ist nicht okay, nicht gut genug. Garantiert das Gegenteil von meinem entspannten Rotwein-Bolognese-Tanz-Traum also. Ich schließe daraus: Wenn ich ein besseres Leben will, dann lasse ich die Hände lieber weg vom Antreiber "besser". Richtig, ein Paradox. Aber eigentlich zentrale Botschaft des Neuen Testaments. Da geht's schließlich auch nicht um freundliche Verbesserungsvorschläge, sondern um Verwandlung. Ich vermute sogar: Je mehr Gott ins Spiel kommt, je mehr Liebe also da ist, umso weniger braucht man das Wort "besser". Um Vergleichen geht's dann gar nicht mehr, sondern schlicht ums Annehmen.

Mitfühlend gucke ich dann neben mich, was da überall gekämpft und gerungen wird. "Kenne ich", sage ich innerlich. "Schaffen wir schon zusammen." Vielleicht lade ich dann die Eiweiß-Boys zu Spagetti Bolognese ein, oder sie mich zu einem komischen Shake. Wir spinnen zusammen, was dieses Jahr anstehen könnte und unsere Aufgabe ist. Wir gucken, welchen Weg wir gegangen sind. Sehen hoffnungsvoll nach vorn. Sagen ja zu dem, was war, was ist. Und genau dadurch verwandelt es sich. Es wird nicht besser, aber heil.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

Kirche im NDR | Moment mal | 07.01.2019 | 18:15 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr