Baumkronen im Dschungel von oben. © georghundt / photocase.de Foto: georghundt / photocase.de

Kolumne: Die Krux mit den Bäumen

Stand: 29.08.2021 07:30 Uhr

Dem Klimwandel zum Trotz: Wenn Bäume die Sonne nehmen oder Dreck machen, werden sie einfach gefällt. Der "Baum des Lebens" in der Bibel ist hingegen außerhalb der menschlichen Reichweite.

von Sarah Oltmanns

"Nie habe ich Sonne auf der Terrasse", klagt eine Bekannte und überlegt laut, welche der sie umgebenden Bäume sie gefällt sehen will. "Die Birke, die nimmt mir die Morgensonne. Der Ahorn die am Nachmittag. Und die Magnolie die Sonne am Abend. Die kann als erste weg, denn die blüht eh nur fünf Tage im Jahr!" Sie zeigt zum Beweis erst auf die Bäume und dann auf ihren blassen Teint. "Ich gehe schon gar nicht mehr auf die Terrasse", sagt sie.

Ratlos stehe ich ihr gegenüber. Einerseits habe ich Mitleid mit ihr, denn sie ist 83 Jahre alt und muss schon auf Kreuzworträtsel verzichten, weil es ihre Augen nicht mehr mitmachen. Andererseits kann ich nicht verstehen, warum sie erst vor Kurzem genau diese Doppelhaushälfte angemietet hat. Sie ist sehr dicht an die Nachbargrundstücke herangebaut, ohne eigene Gartenfläche. Da bleibt kaum Platz zum Atmen, finde ich, und damit natürlich auch kaum für Sonne. Und dann denke ich auch an die vielen Waldbrände und Hitzewellen andernorts und frage mich, ab wann es auch bei uns fast 50 Grad heiß sein wird und wir dankbar sind für jeden Schatten.

Der "Baum des Lebens" bleibt für Menschen unerreichbar

Bis gestern stand an der vierten Grundstücksseite meiner Bekannten übrigens noch ein weiterer Baum, eine riesige Trauerweide. Aber weil es eine Anzeige gab, aus der Nachbarschaft, wurde sie gefällt. Der Baum machte einfach zu viel Dreck. Haben Bäume nur dann eine Existenzberechtigung, wenn sie Früchte geben? Zur Geburt eines Kindes gepflanzt wurden? Oder zu Weihnachten im Wohnzimmer stehen?

Sarah Oltmanns, Radiopastorin in Schwerin © Sarah Oltmanns
Vermutlich macht der "Baum des Lebens" auch Dreck und wirft Schatten, sagt Pastorin Sarah Oltmanns.

Ein Baum ist, wie es in der Bibel beschrieben wird, zum Glück außerhalb der menschlichen Reichweite und gut bewacht. Er wird als "Baum des Lebens" bezeichnet. Wer von seinen Früchten isst, wird niemals sterben. Mich beruhigt es ungemein, dass dieser Baum unerreichbar ist, denn vermutlich macht auch er Dreck und wirft Schatten, auch wenn es erstmal nur eine Erzählung ist. Sie schenkt mir Hoffnung, mit dieser Unverfügbarkeit, dass wir Menschen nie die Möglichkeit kriegen, den letzten Ast abzusägen, auf dem wir selbst sitzen.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 29.08.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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