Ein Kind mit Schutzmaske sieht ernst aus. © photocase Foto: Michael Schnell

Kolumne: "Wie sich ein Misthaufen überwinden lässt"

Stand: 11.04.2021 07:30 Uhr

Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie, befindet sich Deutschland mitten in der dritten Welle. Doch was braucht es, um diese zu brechen - reicht ein letzter Kraftakt?

von Sarah Oltmanns

Es war eine denkwürdige Mutprobe, als ich ein Kind war: Auf dem Bauernhof unseres Nachbarn gab es einen Misthaufen hinter dem Kuhstall. Auf diesem wurde das Stroh aus dem Stall, das von Urin durchweicht und von Fladen durchzogen war, aufgehäuft. Das dampfte ordentlich. Damit es auch ein Haufen blieb, hatte Helmut, so hieß der Landwirt, den Mist immer ganz oben auf dem Haufen abgeworfen. Dafür hatte er in die Mitte ein langes Brett ausgelegt. Es war länger als der Haufen hoch war. Mit seiner Schubkarre und dem Mist ist er auf dem Brett entlang den Haufen hochgefahren und hat oben den Mist abgeladen. Und da er nicht rückwärts wieder runterschieben konnte, klappte er mit Balance-Gefühl und Kraft in den Beinen das Brett oben um, wie eine Wippe. 

Uns Kinder hatte es beeindruckt, wie er das Brett oben umschlug. Also machten wir ein Spiel daraus. Wir sind nacheinander mit dem Fahrrad dieses Brett hochfahren. Das war echt nicht einfach, und rückwärtsfahren konnte man mit dem Fahrrad auf dem Brett ja auch nicht. Wer es nicht schaffte, genug Kraft aufzubringen und Balance, ist seitlich in den dampfenden Mist gekippt.  

Mit einem letzten Kraftakt die Corona-Welle überwinden?

In letzter Zeit denke ich häufig an dieses Spiel. Als müssten wir als Gesellschaft über einen Misthaufen namens "dritte Corona-Welle" rüber, über einen schmalen Weg, der ganz schön wackelt. Wir sind zwar schon recht weit gekommen. Aber wir müssen noch den einen letzten Kraftakt aufbringen, damit die Wippe kippt und es wieder bergab geht. 

Sarah Oltmanns, Radiopastorin in Schwerin © Sarah Oltmanns
Wir müssen als Gesellschaft über einen Misthaufen namens "dritte Corona-Welle" rüber, meint Pastorin Sarah Oltmanns.

Jede Alternative zu diesem letzten Kraftakt würde bedeuten, dass wir umfallen, richtig rein in den Haufen. Wir kommen da wieder raus, wenn das passiert, aber wollen wir da überhaupt rein? Und erklären Sie mal ihren Eltern, wenn Sie wieder nach Hause kommen, warum Sie so aussehen und fünf Kilometer gegen den Wind stinken. 

Deshalb vergebe ich heute ein Kreuz. Weil ich daran glaube, dass wir es schaffen können und wollen, als Gesellschaft, mit einem letzten Kraftakt den "dritten Corona-Welle-Misthaufen" zu überwinden.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 11.04.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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