Stand: 19.06.2019 12:00 Uhr

Kolumne: Auf die Straße gehen

von Christine Oberlin
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Menschen sollen zeigen, was sie bewegt - auch öffentlich, findet Pastorin Christine Oberlin.

Die deutsche Sprache ist eine ulkige Sache. Neulich erklärte ich einer afrikanischen Kollegin, dass in Deutschland neuerdings viele - vor allem junge - Menschen "auf die Straße gehen" um gegen den Klimawandel zu protestieren. "Auf die Straße gehen?", fragte sie zurück. "Was ist denn daran Besonderes?" Sie übersetzte direkt aus ihrer Muttersprache, und klar, das heißt erst einmal nur, dass man aus der Tür heraus geht. Nichts Spektakuläres.

Protest als öffentliche Bezeugung

Also suche ich die Redewendung in meinem Wörterbuch - und egal, ob ich Englisch oder Französisch verwende - für unsere Redewendung "auf die Straße gehen" gibt es tatsächlich keine adäquate Übersetzung. In anderen Sprachen kommt dabei immer das Wort "Protest" heraus. Und das stammt aus dem Lateinischen und kam erstmals, sagt mein schlaues Lexikon, in der Kaufmannssprache vor. Wenn ein Wechsel nicht gedeckt war, konnte die Bank einen "Protest" einlegen - und den Handel stoppen.

Das lateinische Wort "protestari" heißt ursprünglich "öffentlich bezeugen", also offen sagen, was einem wichtig ist. Von dort bin ich schnell bei dem Wort "Protestanten". Wir Evangelischen werden ja seit dem Reichstag zu Speyer im Jahr 1529 so genannt. Protestanten. Weil die evangelischen Fürsten ihren Widerstand "öffentlich bezeugt" haben gegen die damalige Kirche und den Kaiser. "Auf die Straße gegangen" ist man erst später.

"Auf die Straße gehen" ist ein hohes Gut

Ein öffentliches Zeugnis abzulegen, das ist ein hohes Gut für alle Menschen. Bei uns - Gott sei Dank - verfassungsrechtlich geschützt. Ob in Hongkong oder Prag, London oder Köln. Egal, ob es um Gerechtigkeit und den sozialen Frieden, um bezahlbare Wohnungen, intakte Natur, Arbeitsplätze oder transparente Rechtsprechung geht. Ein Herz der Liebe für alle, die mit dem, was sie bewegt, gemeinsam "auf die Straße gehen".

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 30.06.2019 | 07:45 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

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