Stand: 01.03.2020 07:45 Uhr

Kolumne: Die Würde beim Sterben hängt nicht am Gesetz

von Oliver Vorwald

Ein kleines Häufchen Leben. Zitternd, kahlköpfig, runzelig. Gleichmäßig hämmert der Monitor sein Piepen in den weiß gekachelten Raum. Nichts von dem zählt in diesem Moment. Stolz wiege ich meine Tochter in den Händen, streiche die Tränen aus ihrem Gesicht. Angst, Kälte, Erschöpfung? Wahrscheinlich von allem etwas. Denn die Geburt ist ein Kraftakt.

Selbstbestimmtes Leben und Sterben

Die Mitglieder des zweiten Senats am Bundesverfassungsgericht Sibylle Kessal-Wulf, Vorsitzender Andreas Voßkuhle und Peter M. Huber sitzen in Roben im Gerichtssaal. © dpa - Bildfunk Foto: Uli Deck
Das Bundesverfassungsgericht hat das Verbot der geschäftmäßigen Sterbehilfe für verfassungswidrig erklärt.

Wir Menschen kommen unter Schmerzen ins Leben. Und mancher von uns muss unter Schmerzen wieder gehen. Daran wird auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nichts ändern. Dies erlaubt nun, dass Patienten für ihren Suizid die Hilfe von Ärzten oder Sterbehilfevereinen in Anspruch nehmen können. Das Recht auf selbstbestimmtes Leben, schließt das selbstbestimmte Sterben ein, so die Richter. Freiheit, ein hohes Gut. Kritiker befürchten aber, dass sich Alte und Kranke durch diese Neuregelung gedrängt fühlen könnten, davon Gebrauch machen zu müssen. Damit genau das nicht passiert, können wir ganz viel tun, entscheidendes beitragen: Politik, Gesellschaft, Kirchen. Denn die Würde eines Menschen hängt nicht von seiner Leistungsfähigkeit ab.

Würde kommt von Wert

Und machen wir uns nichts vor: Leiden lässt sich nicht immer lindern, so wünschenswert das auch ist. Aber auch davon hängt die Würde eines Lebens nicht ab. Würde kommt von Wert. Dieser Wert wohnt durch die Geburt im Menschen. Selbst wenn das Schicksal - in welcher Form auch immer - diese Würde überlagern sollte. Denn diesen unzerstörbaren Wert des Menschen garantiert eine Instanz, die größer ist als Liebe und Leiden.

Sterben ist ein Kraftakt

Oliver Vorwald © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Weder Gesetze noch die Gesellschaft dürfen Menschen zum Sterben drängen, meint Pastor Oliver Vorwald.

Eines Tages wird meine Tochter aus dieser Welt wieder gehen müssen. Hoffentlich erst, wenn ihre Haut die Runzeln eines erfüllten Lebens trägt. Das wünsche ich ihr von Herzen. Oder wird es unter Tränen geschehen, ein Bündel Leben an piependen Geräten? Ganz gleich, welche Möglichkeiten ihr dann offenstehen und wie sie sich entscheidet: Niemand darf sie drängen. Weder Gesetze, Angehörige, noch die Gesellschaft oder ihr Gewissen. Sterben ist ein Kraftakt. Aber die wertvolle Schönheit des Menschen bleibt bewahrt. Denn die wiegt ein Größerer in seinen Händen.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 01.03.2020 | 07:45 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

Ein Angehöriger hält dem Sterbenden seine Hand. © epd

Sterbehilfe: Nordkirche fordert Neuregelung

Das Bundesverfassungerichts-Urteil zur Aufhebung des Verbots kommerzieller Sterbehilfe löst im Nordosten ein geteiltes Echo aus. Die Nordkirche fordert eine Neuregelung zur Sterbehilfe. mehr

Info

Die Evangelische und Katholische "Kirche im NDR" ist verantwortlich für dieses Onlineangebot und für die kirchlichen Beiträge auf allen Wellen des NDR.