Stand: 08.09.2019 07:45 Uhr

Kolumne: Good bye, Leipzig. Und Danke!

von Oliver Vorwald
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Pastor Oliver Vorwald hat den Geist des Aufbruchs nach dem Mauerfall gespürt.

Leipzig, Nikolaikirche. Der Geist des Aufbruchs ist immer noch zu spüren, als ich im Herbst 2002 das Gotteshaus betrete. Carmen, Jörg und Thomas nehmen mich in ihre Mitte. Das fließende Licht zieht den Blick hinauf. Die Palmblätter am Ende der Kapitäle bilden ein Paradiesgarten-Dach über uns. "Hier hat es damals begonnen mit Kerzen und Gebeten", sagt Carmen. Dann ist Stille. Scheu wandern ihre Augen über die leeren Bankreihen, als könnte sie all jene von damals sehen.

Dankbar für die Zeit in Magdeburg

Und ich bin total geflasht: von der Nähe dieses Moments, dem Stolz und den Gefühlen meiner Kollegen, ihrer Geschichte. Damals - am 4. September 1989 - sind es noch keine Massen, die nach dem Friedensgebet auf die Straße gehen. "Für ein offenes Land mit freien Menschen" steht auf einem der Transparente. Die Stasi beendet recht zügig diese erste Montags-Demonstration auf dem Nikolaikirchhof. Es folgen weitere. Und in der DDR verändert sich etwas.

Von 2002 bis 2007 arbeite und lebe ich in Magdeburg. Eine Zeit, für die ich dem lieben Gott dankbar bin. Und den Menschen, die ich dort kennengelernt habe. Die Warnung mancher Westler vor dem Umzug bewahrheitet sich nicht: Ich "komme dazwischen", in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Kollegen und Nachbarn nehmen mich an die Hand. Sie zeigen mir ihre Heimat, ihre Geschichte. Dabei Staunen, viele Fragen, manches Mal Feiern. Inzwischen lebe ich mit meiner Familie wieder dort, von wo ich einst losgezogen bin. Die Freunde aus der Magdeburger Zeit sind es nach wie vor. Dazu gehören Patenschaften und sogar Familienbande.

Wir sind ein Volk geworden

Ja: "Wir sind ein Volk!" Ein Geschenk, ein Segen. Alles beginnt für mich mit diesem Spaziergang im Herbst 2002. Leipzig, das Paradiesgarten-Dach der Nikolaikirche. Hier ist die Geschichte meiner früheren Arbeitskollegen ein Teil meiner Biografie geworden. Hier hat mein Hoffen Hafen und Ankerplatz. Danke Carmen, danke Jörg, danke Thomas.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 08.09.2019 | 07:45 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr