Stand: 26.01.2020 07:45 Uhr

Kolumne: Judensau - Das Gift des Mittelalters

von Oliver Vorwald
Oliver Vorwald © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Distanzierende Einordnungen von antisemitischen Darstellungen an Kirchen sind wichtig, meint Pastor Oliver Vorwald.

"Judensau" - so heißt die nächste Station bei unserem Stadtrundgang durch die Lutherstadt Wittenberg. "Was um Himmels Willen soll das sein?", frage ich mich noch, als wir an der Stadtkirche St. Marien stehen bleiben. An ihrer Südostecke, in gut zehn Metern Höhe, ist ein Sandsteinrelief eingelassen. Es zeigt eine Sau, dahinter kniet ein Rabbiner, an den Zitzen des Tieres saugen Juden. Der Gott Israels - ein Schwein. Das ist die beleidigende Botschaft der Szene.

Wurzeln des Antisemitismus

Fast 30 solcher Darstellungen gibt es heute noch in Europa, sie finden sich vor allem an Kirchen in Deutschland. Diese Reliefs und Schnitzarbeiten sind ein beschämendes Erbe des Mittelalters, zugleich ein Weckruf. Denn sie erinnern daran, dass der Antijudaismus eine seiner Wurzeln im Christentum hat. In den judenfeindlichen Versen des Neuen Testaments, in den Konzilsbeschlüssen, in den Tischreden und Büchern gewichtiger Theologen - auch denen Martin Luthers.

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Judenfeindschaft ist noch nicht Geschichte

Die Nazis finden hier reichlich Material für ihren Judenhass, als sie den Holocaust planen. Deshalb runter mit dem Relief, ab ins Museum, denke ich bei unserem Stadtrundgang durch Wittenberg. Die Stadtkirchengemeinde ist einen anderen Weg gegangen. Sie hat 1988 im Gehweg unterhalb des Reliefs ein Gegendenkmal installiert, auf dem sie von einer Mitschuld des Christentums an der Ermordung von sechs Millionen Juden spricht. Und auch die Evangelische Kirche stellt sich unter dieses Kreuz, wenn sie bekennt: "Luthers Sicht des Judentums und seine Schmähungen gegen Juden stehen im Widerspruch zum Glauben an den einen Gott, der sich in dem Juden Jesus offenbart hat (EKD)."

Distanzierende Einordnung. Ein richtiger und wichtiger Schritt. Ob im Museum oder an Ort und Stelle. Aber damit ist es nicht getan. Laut einer aktuellen Studie hegt jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken. Die alte Judenfeindschaft ist noch längst nicht Geschichte. Ihr Gift wirkt nach: im völkischen Gerede am Stammtisch und in den Sozialen Medien; im gewaltbereiten Rassismus auf der Straße. Wir müssen alle etwas tun - auch 75 Jahre nach Auschwitz.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 26.01.2020 | 07:45 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

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