Stand: 12.09.2018 10:15 Uhr

Kolumne: Vor 45 Jahren - Ende Allende

von Matthias Bernstorf

"Ende Alljende" ist im Osten ein geflügeltes Wort. So wie im Westen "aus die Maus". Ich höre und sage es, wenn etwas unwiederbringlich vorbei zu sein scheint. Und was im September 1973 in einem schmalen Land am anderen Ende der Welt geschah, ist nun schon 45 Jahre vorbei. Das ist lang genug, um aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden. Wären da nicht die Tränen der Frauen, deren Partner, Töchter und Söhne seit dem Militärputsch in Chile verschwunden sind.

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Frauen stehen vor einer Statue Allendes und erinnern an die Toten des Militärputsches 1973.

Zehntausende waren es, die während der Militärdiktatur verhaftet und gefoltert wurden. Die amerikanische Botschaft, die es wissen muss, spricht von rund 5.000 Toten, darunter Studierende, Gewerkschafter, Journalisten, Politiker und Priester, die im Namen Jesu protestierten.

Allende war ein Visionär

Was war da los? Salvador Allende war von Beruf Arzt und Präsident Chiles. Seine Vision war eine Demokratie mit sozialer Marktwirtschaft. 'Das machte ihn für uns gefährlicher als Kubas Castro', ließ der damalige Außen- und Sicherheitsberater Henry Kissinger durchblicken, als er viele Jahre später die Beteiligung der USA am blutigen Putsch gegen Allende einräumte.

Die Menschen in Chile leiden bis heute

Am 11. September 1973 ließ General Pinochet den Präsidentenpalast bombardieren, im Zuge dessen starb Allende. Jetzt sollte Chile ein Musterbeispiel werden, wie man ein Land wirtschaftlich voranbringt, wenn man den Markt für kurze Zeit befreit - von Gewerkschaften, Sozial-Aposteln und der Demokratie. Pinochet herrschte bis 1990. Bis dahin wurde alles privatisiert, was Käufer fand: Rentenversicherung, Krankenversicherung, Wasserwerke, Kupferminen. Heute beherrschen in Chile wenige große Firmen den Markt, 50 Prozent der Arbeitnehmer verdienen weniger als 400 Euro im Monat. Wenige haben gut verdient, sehr viele sind tot oder verschwunden. Das ist kein Musterfall, sondern bis heute ein unsäglicher Sündenfall.

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Die Toten und Verschwundenen des Putsches müssen im Gedächtnis bleiben, sagt Matthias Bernstorf.

Ich finde: Die Verschwundenen dürfen nicht noch einmal verschwinden. Sie müssen uns im Gedächtnis bleiben. Sting hat den Opfern ein Lied gewidmet. Unwiderstehlich traurig singt er in "Dancing Alone": "Eines Tages werden sie an den Gräbern tanzen, frei sein und sie werden vor Freude lachen." Für diese Hoffnung gebe ich heute ein Kreuz.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

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