Stand: 16.09.2020 13:24 Uhr

Kolumne: Paprikasoße Ungarische Art

von Marco Voigt
Marco Voigt, Radiopastor in Kiel © Kirche im NDR
Radiopastor Marco Voigt befürwortet die Auflösung überholter Begriffe und Bezeichnungen.

Wenn ich grille, stehen bei mir auch Saucen auf dem Tisch. Die "Zigeunersoße" durfte da bislang nicht fehlen. Nun hat sich die Firma, die diese Sauce herstellt, dazu entschlossen, die Zigeunersoße in "Paprikasoße Ungarische Art" umzubenennen. Ansonsten ändert sich nichts. Aber die Umbenennung löst Emotionen aus. Manche finden den Schritt übertrieben, andere wittern gar das Werk einer Sprachpolizei.

Ich dagegen finde die Umbenennung gut und eigentlich längst überfällig. Der Begriff Zigeuner hat sich doch nur noch im Schnitzel und in der besagten Grillsoße erhalten. Ansonsten ist er mit gutem Grund aus unserem Sprachgebrauch verschwunden und durch Sinti und Roma ersetzt worden.

Über eigene Vorurteile nachdenken

Beides sind Eigenbezeichnungen von zwei Gruppen, die neben Friesen, Dänen und Sorben zu den anerkannten ethnischen Minderheiten in Deutschland zählen, und über die die meisten Menschen kaum etwas wissen. Oder sollte ich besser sagen: Über die die meisten Menschen nur etwas zu wissen glauben?

Drei Schüsseln mit roten Grillsaucen. © COLOURBOX Foto: COLOURBOX
Die Umbenennung der Soße ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt.

Denn im Gegensatz zu den anderen Minderheiten gibt es gegenüber Sinti und Roma immer noch viele Vorurteile. Und diese Vorurteile machen sich eben auch an überholten Begriffen fest. Und selbst wenn man die Sache romantisiert und positiv zu wenden versucht wie im Volkslied "Lustig ist das Zigeunerleben", so ändert das an der Sache wenig. Auch ein vermeintlich lustiges Lied drückt einer ganzen Gruppe einen Stempel auf und signalisiert: "Ihr seid anders als wir!"

Ich glaube: Die Umbenennung einer Paprikasoße ist zwar nur ein kleiner Schritt, aber ein wichtiger. Er zeigt, es ändert sich etwas. Wir wollen die Gefühle einer oft diskriminierten Minderheit ernst nehmen. Und vielleicht ist der neue Name für den einen oder die andere sogar der erste Schritt, über eigene Vorurteile nachzudenken. Beim nächsten Grillen stelle ich mir jedenfalls gern die "Paprikasoße Ungarische Art" auf den Tisch. Und heute vergebe ich einen Anker der Hoffnung.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 20.09.2020 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

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