Stand: 16.07.2020 07:30 Uhr

Kolumne: "Endlich fair - endlich normal"

von Marco Voigt
Pfeile auf dem Boden weisen in einer Textilfabrik in Bangladesh den Weg zum Ausgang. © NDR Foto: Jürgen Webermann
"Made in Bangladesh": Wer verantwortungsvoll einkaufen will, muss sich über die Arbeitsbedingungen weltweit Gedanken machen.

"Endlich!", sage ich. Denn es ist allerhöchste Zeit. Das Lieferkettengesetz soll kommen. Ich will mir nicht länger bei jedem Produkt, das in meinem Einkaufswagen landet, überlegen müssen: Wo kommt das her? Hat den Kakao für meine Schokolade vielleicht ein Kind gepflückt, das eigentlich zur Schule gehen sollte? Bedeutet "Made in Bangladesh", dass die Arbeiterin, die mein Hemd genäht hat, kaum 50 Euro im Monat verdient? Darf sie überhaupt Pausen machen? Und gibt es Feuerlöscher und Fluchtwege in ihrer Fabrik?

Das schlechte Gewissen als ständiger Begleiter

Über all das muss (und sollte!) ich mir aber Gedanken machen, wenn ich verantwortungsvoll einkaufen will. Und zugleich überfordert es mich. Das schlechte Gewissen ist also mein ständiger Begleiter.

Die Bundesregierung will das nun endlich ändern. Zuvor hatte sie große Unternehmen gefragt, ob Umwelt- und Sozialstandards in ihren Lieferketten eingehalten werden. Kaum mehr als 15 Prozent der angeschriebenen Unternehmen haben überhaupt geantwortet. Und von diesen Unternehmen konnte gerade einmal jedes Fünfte für seine Zulieferer garantieren. Das ist viel zu wenig! Und es ärgert mich, dass die große Mehrheit der Unternehmen, die gutes Geld mit ihren Produkten verdienen, ihre Verantwortung entweder auf ihre Zulieferer oder auf mich als Verbraucher abwälzen wollen.

Verantwortung der Starken für die Schwächsten

Marco Voigt, Radiopastor in Kiel © Kirche im NDR
Das Lieferkettengesetz ist ein Schritt hin zu mehr gelebter Solidarität, sagt Radiopastor Marco Voigt.

Dass damit nun endlich Schluss sein soll, ist ein gutes Zeichen. Ein Zeichen der Verantwortung der Starken für die Schwächsten auf der Welt, die am Anfang unserer Lieferketten stehen und die am wenigsten vom Gewinn abbekommen. Die beiden großen Kirchen unterstützen das Lieferkettengesetz. Und es wäre ein gutes Zeichen, wenn es die kirchlichen Eine-Welt-Läden mit ihrem fair gehandelten Kaffee und all den anderen Dingen irgendwann nicht mehr geben müsste. Weil es völlig normal ist, dass ich in jedem Geschäft ausschließlich Produkte kaufen kann, über deren Herkunft ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Es wäre gut für uns alle, wenn keine Kinder mehr Kakao ernten und in jeder Fabrik in Bangladesch gutes Geld für gute Arbeit gezahlt wird.

Allen, die sich für das Lieferkettengesetz einsetzen, wünsche ich Mut und Durchhaltevermögen! Und allen, die sich noch dagegen wehren, wünsche ich die Einsicht, dass es gut ist, Solidarität praktisch zu leben! Dafür ein Anker der Hoffnung.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 19.07.2020 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

Info

Die Evangelische und Katholische "Kirche im NDR" ist verantwortlich für dieses Onlineangebot und für die kirchlichen Beiträge auf allen Wellen des NDR.