Eine Schutzmaske fliegt über Menschensilhouetten. (Symbolbild) © photocase.de/panthermedia Foto: Christoph Thorman,  Gemini13

Kolumne: Ein Christ ein freier Mensch und niemanden untertan

Stand: 01.11.2020 07:30 Uhr

Freiheit war ein zentraler Begriff bei Martin Luthers Reformation. Davon zeugt seine Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" - die aber auch Grenzen setzt.

von Jan Dieckmann

"Maske auf! Ab Geburt!", brüllt ein junger Mann in sein Megafon. Aus dem Kreis der Mitdemonstranten schallt es laut zurück: "Ab Geburt! Ab Geburt!" Wirklich skurrile Anti-Masken-Demo auf dem Marktplatz von Schwerin. Zwanzig Menschen ganz in Schwarz gekleidet, mit schwarzen Kapuzen und schwarzen Masken, haben sich vor der Silhouette des ehrwürdigen Doms in einem großen Kreis aufgestellt und schwenken Papp-Schilder zu ihren Parolen. Auf einem davon ist zu lesen: "Freiheit statt Corona-Diktatur!" 

Freiheit ist auch in Corona-Zeiten ein teures Gut

"Freiheit statt Corona-Diktatur?" Bei solch einem Slogan fühle ich mich als evangelischer Christ herausgefordert. "Freiheit" ist in der protestantischen Tradition ein teures Gut. Nach evangelischem Verständnis ist das Evangelium eine Botschaft der Freiheit. "Zur Freiheit hat uns Christus berufen", schreibt Paulus im Galaterbrief. 

Menschen sind frei und gebunden zugleich

Aber bitte, möchte ich den Demonstranten zurufen: Das heißt nicht, dass im Namen der Freiheit alles erlaubt ist! Die eigene Freiheit berührt stets auch die Freiheit anderer und ist kein Freifahrtschein für Egoismus oder versponnene Verschwörungsmythen. Das hat niemand besser auf den Punkt gebracht als Martin Luther, an dessen epochemachenden Thesenanschlag wir in diesen Tagen am Reformationstag gedenken. In seinem sogenannten Freiheitstraktat von 1520 schreibt er wunderbar eingängig: "Ein Christ ist ein freier Mensch und niemandem untertan." Und dann schreibt er als zweite Freiheits-These, die mit dieser ersten untrennbar verbunden ist: "Ein Christ ist ein Knecht und jedermann untertan." Das sitzt.

Jan Dieckmann © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Wir Menschen sind frei, aber zugleich gebunden, sagt Pastor Jan Dieckmann.

Frei und an unseren Nächsten gebunden zugleich. Das sind wir Menschen. Frei sein kann man nie nur in sich und für sich selbst. Was in diesen verrückten Tagen bedeutet, verantwortungsvoll zu sein, Abstand zu halten, Maske und Rücksicht zu wählen. Dafür ein Herz der Liebe.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 01.11.2020 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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