Stand: 01.11.2018 13:30 Uhr

Karawane von Migranten zieht durch Mexiko

von Julia Heyde de López
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Tausende Migranten ziehen durch Mexiko, mit dem Ziel USA.

"Sie suchen nicht den amerikanischen Traum - sie entfliehen dem Albtraum von Honduras." So hat ein honduranischer Politiker die derzeitige Migrationskrise in Mittelamerika beschrieben. Zu Tausenden haben sich Menschen aus Guatemala, El Salvador und Honduras auf den Weg Richtung USA gemacht. Zu Fuß. Alte und Junge, Familien mit Kindern, schwangere Frauen.

Ihre genaue Zahl ist schwer zu beziffern, erklärt Elena Cedillo. Sie ist Regionalvertreterin des Lutherischen Weltbundes in Mittelamerika. Hauptsitz des Büros ist in El Salvador, mit Zweigstellen in Guatemala, Honduras und Nicaragua. Sie verfolgt die Berichte eines Beobachters und Dokumentarfotografen, der vom Lutherischen Weltbund nach Süd-Mexiko entsandt wurde: "Die Menschen schlafen in den Straßen, stehen dann früh auf, zwischen zwei und drei Uhr morgens, und machen sich im Morgengrauen auf den Weg." Dann sei die Temperatur noch erträglich. In Mexiko zeigten die Menschen überwältigende Solidarität, sagt Elena Cedillo. Sie brächten Wasser, Medizin und Kleidung und Schuhe. Sie kochten Essen für die Migranten und sorgten für Waschgelegenheiten.

Menschen sind Opfer des Klimawandels

Um diese Krise zu verstehen, müsse man schauen, welches die Motoren sind, die die Menschen antreiben, ihre Heimat zu verlassen, betont Cedillo. Den Menschen fehle es zum Beispiel an Nahrungsmitteln. "Die Region Zentralamerika leidet unter den Auswirkungen des Klimawandels, Jahr um Jahr geht ihnen die Ernte verloren. Erst hatten wir eine lange Dürreperiode, dann folgte eine lange Regenzeit, da blieb so gut wie nichts vom landwirtschaftlichen Ertrag." Andere Motive seien Gewalt, Arbeitslosigkeit, fehlender Zugang zur medizinischen Versorgung. "Die Menschen sagen uns, dass sie nichts zu verlieren haben. In ihren Heimatländern stehen sie am Rand der Gesellschaft. Deshalb sehen sie dies als eine Chance."

Bei Rückkehr droht Migranten Gewalt

Es gebe noch ein weiteres Problem, sagt Cedillo, sollten diese Menschen an einer Grenze festgenommen und anschließend deportiert werden. Wer die zentralamerikanische Realität kenne, wisse, eine Rückkehr wäre unmöglich, wenn es um Gebiete gehe, die von den kriminellen Banden dominiert würden. Das Leben dort sei geprägt von Unsicherheit und Gewalt, in dieser Kultur könne man nicht erst entkommen und dann wieder zurückkehren. Das Problem sei sehr komplex. Die Folge: "Ich fürchte, es wird viele Binnenvertriebene in den mittelamerikanischen Ländern geben. Und viele werden sich wieder auf den Weg machen", so Cedillo weiter.

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Erschöpft von der Flucht: Zwei Kinder schlafen in einer provisorischen Unterkunft.

Der Lutherische Weltbund betreibt Hilfsprogramme, zusammen mit der ACT Alliance, einem internationalen kirchlichen Netzwerk für humanitäre Arbeit und Entwicklungshilfe. Man stehe auch in engem Kontakt mit den Kirchengemeinden vor Ort an der Migrationsroute, sagt Cedillo. Viele Kirchen haben ihre Türen geöffnet, die Migranten finden dort einen Schlafplatz und Unterstützung. Außerdem engagieren sich die Kirchen und Religionsgemeinschaften in der psychosozialen Hilfe. Elena Cedillo betont, die Menschenrechte der Migranten müssten gewahrt bleiben, sie dürften nicht als Kriminelle stigmatisiert werden. Man müsse ihre Geschichten hören und sehen.

So schreibt es auch der Beobachter und Dokumentarfotograf in Süd-Mexiko, Sean Hawkey. "Ich bin ein Stück mit einem Mann gegangen, er hieß William. Sein zehnjähriger Sohn ist erschossen worden, seine 15-jährige Tochter wurde vergewaltigt. Er kann seine Rechnungen nicht bezahlen, die Ernte fehlt ihm aufgrund der anhaltenden Dürre. Warum sollte er nicht migrieren? Wer kann ihm sagen, dass er zurückgehen muss?"

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 04.11.2018 | 09:15 Uhr