Oliver Vorwald, Radiopastor aus Hannover © Kirche im NDR Foto: Jens Schulze

Meine Deutsche Einheit ist ein Segen

Sendedatum: 03.10.2020 09:15 Uhr

Mit dem 3. Oktober sind viele persönliche Geschichten verbunden. 30 Jahre Deutsche Einheit wecken Erinnerungen - mit dem Blick von nach Ost und West - und umgekehrt.

von Pastor Oliver Vorwald

Der 3. Oktober 1990, für mich ein emotionaler Tag. Denn ohne Deutsche Einheit wäre ich 2001 nicht nach Magdeburg gezogen. Vieles hat sich dort zugetragen: die große Liebe, die Geburt der Kinder, die Ernennung zum Pfarrer. 30 Jahre vereinigt.

Zeitreise zu Axel Noack nach Halle

Ich mache eine Zeitreise, besuche meinen früheren Chef: Axel Noack, Altbischof und Professor für Kirchengeschichte in Halle. Ein humorvoller Mann, 1990 ist er Pfarrer in Wolfen im Süden von Sachsen-Anhalt. 3. Oktober? Das sei auch emotional. "Am 2. Oktober war ich in Witten. Und in der Nacht bin ich zurückgefahren, es war noch mühselig damals mit dem Zug nach Wolfen. Und am nächsten Morgen hab ich in Wolfen dann die Rede gehalten im Rat, im Festsaal da, übers Grundgesetz."

Die ganz große Feier findet damals natürlich in Berlin statt. Reichstag, Zehntausende Menschen singen "Einigkeit, Recht und Freiheit". Eigentlich hätten landesweit die Glocken läuten sollen, so der Wunsch aus der Politik. Doch da ziehen nicht alle Kirchen mit.

Glocken rufen am 3. Oktober 1990 zum Gebet

Vor allen Dingen im Osten, sei das ein toller Tag gewesen, aber wir hätten immer klar die Meinung vertreten: Glocken rufen zum Gebet. Wenn man 'ne Gebetsandacht mache, könne man auch die Glocken läuten. Aber wenn man nur bimmele um des Bimmelns wegen, das gehe nicht.

Axel Noack, Altbischof von Halle
Axel Noack hat den kirchlichen Einigungsprozess mit vorbereitet.

Geläutet haben dennoch viele Gemeinden - und auch gebetet. Der Beitritt der Landeskirchen aus der früheren DDR zur EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, vollzieht sich aber erst 1991. Am Anfang sei es so gewesen, dass man sich nicht verstanden habe. "Da sagten die zu uns: 'Brüder, freut euch, ihr habt’s hinter euch.' Und wir sagten: 'Ey, das ist unser Leben gewesen!'" Dafür sei den Kirchen manches besser gelungen als der Politik, so Axel Noack, der den kirchlichen Einigungsprozess mit vorbereitet hat. Treuhand, andere Gehälter, wenig Konzerne im Osten. Er blickt kritisch in die Zeit, fröhlich in die Zukunft. Seine Studenten reden nicht mehr von Ossi und Wessi.

Die Deutsche Einheit - ein Segen

In der Uni, bei seinen Studenten wisse er gar nicht mehr, wer aus dem Osten und dem Westen sei. Für ihn sei immer die Testfrage bei Studenten aus Württemberg und aus Bayern: "Wo fahrt ihr hin?" Dann würden die sagen: "Wir fahren in Süden" Wenn sie sagen würden, "wir fahren in Westen", dann stimme irgendwo was noch nicht.

Der 3. Oktober 2020, 30 Jahre Deutsche Einheit. Heute bin ich wieder in Magdeburg. Im Dom wird Erich konfirmiert, Patenkind meiner Frau. Diese, unsere Einheit, ein Segen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 03.10.2020 | 09:15 Uhr

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