Stand: 07.02.2018 13:26 Uhr

Lieber Gott, warum das Schnabeltier?

von Heiko von Kiedrowski.

Wenn ich Gott heute eine einzige Frage stellen dürfte, müsste ich nicht lange überlegen: „Wie bist du eigentlich auf das Schnabeltier gekommen?“

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Ein Schnabeltier: wie ein Fisch und wie ein Vogel

Das Schnabeltier ist anders als andere Tiere. Das Schnabeltier lebt im Wasser wie ein Fisch und legt Eier wie ein Vogel. Bis das Schnabeltier in Australien entdeckt wurde, war alles einfach: Säugetiere haben Fell, Vögel haben einen Schnabel. Doch plötzlich gibt es ein Lebewesen, das wohl einfach keine Lust hat, sich so einordnen zu lassen. Wir Menschen lieben es, Dinge zu sortieren. Vogel oder Säugetier, Wurst oder Käse, Mann oder Frau. Aber manchmal klappt das nicht.

Nicht nur "männlich" oder "weiblich"

Heute vor einem Vierteljahr hat das Bundesverfassungsgericht eine wichtige Entscheidung getroffen. Auf Geburtsurkunden wurde bislang unterschieden zwischen „männlich“ und „weiblich“. Forscher wissen schon seit langem: so einfach ist das nicht. Viele Menschen liegen mit ihren körperlichen Merkmalen irgendwie zwischen Mann und Frau. Oder sie haben Eigenschaften von beiden Geschlechtern. Bis zur Entscheidung der höchsten deutschen Richter mussten sie sich für einen Eintrag entscheiden. Oder sie mussten ganz darauf verzichten: Wer sich nicht einordnen lassen wollte, durfte schlicht kein Geschlecht haben.

Seit über zwei Jahrtausenden steht in der Bibel: „Gott schuf den Menschen als Mann und Frau.“ Aber wer glaubt, dass es deshalb nur zwei Geschlechter gibt, der hat nicht richtig hingehört, denn da steht: Wir Menschen sind geschaffen als „Mann und Frau“ - Von Mann oder Frau ist in der Bibel keine Rede.

Einen Menschen so sehen, wie er ist

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Pastor Heiko von Kiedrowski ist für die Vielfalt

Ich glaube, dem Schnabeltier ist es herzlich egal, wie es im Lexikon steht. Ihm steht mehr der Sinn nach frischem Wasser, einer sauberen Umwelt und leckeren Würmern. Aber ganz bestimmt möchte es nicht auf seinen Schnabel verzichten, nur damit wir es einfacher haben mit der Systematik der Lebewesen.

Kein Mensch muss darauf verzichten, ein Geschlecht zu haben, nur weil das auf einem Formular nicht vorgesehen ist. Jeder und jede hat ein Recht darauf, so gesehen zu werden, wie er und sie sind. Es gibt mehr als Schwarz und Weiß: Statt die Stirn zu runzeln sollten wir lieber darüber staunen, was für prächtige Farben die Schöpfung zu bieten hat.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 08.02.2018 | 19:05 Uhr

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