Stand: 15.05.2019 09:55 Uhr

Kolumne: "Am Segen nicht sägen"

von Julia Heyde de López
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"Der Himmel ist offen für alle, die sich nach ihm sehnen."

Die amerikanische Autorin Rachel Held Evans meinte einmal: "Der Himmel ist offen für alle, die sich nach ihm sehnen". Ein wunderbarer Satz. Er berührt mich, auch weil die Kolumnistin kürzlich verstorben ist, mit nur 37 Jahren. Sie hinterlässt ihre kraftvollen Texte, ihre Botschaft: "Gott sieht uns als geliebte Menschen." Ohne Abstriche. Ohne Schubladen. Er reduziere uns nicht so, wie wir es untereinander tun, so Evans. Bedeutsam finde ich auch den Kontext ihrer Äußerung: Sie kritisierte in dem Artikel, wie diskriminierend innerhalb der christlichen Gemeinschaft mit Homosexuellen umgegangen wird.

Tatsächlich tut sich so manche Kirche und Gemeinde immer noch schwer damit, dass homosexuelle Paare nach der standesamtlichen Trauung auch kirchlich heiraten möchten. Gerade haben in Baden-Württemberg etliche Pfarrerinnen und Pfarrer per Unterschrift erklärt, dass sie homosexuellen Paaren keinen Segen zusprechen wollen. Auffällig viele junge Theologen seien bei dem Treffen der "Segnungskritiker" dabei gewesen. Sie wollten "nicht in einer Kirche der theologischen Beliebigkeit arbeiten", hieß es.

Segen als Fürbitte

Ob Jesus da unterschrieben hätte? Wenn zwei Menschen sagen: Für unsere gemeinsame Reise durchs Leben wünschen wir uns Gottes Zuspruch - dann ist der Segen, den sie während der Feier bekommen, wie ein Gebet. Die Bitte, dass Gott mitgeht durch Dick und Dünn, in guten wie in schlechten Tagen, in Freude und Glück, aber auch in Streit, Krankheit, Verlust. Wer zu Beginn der Ehe den Segen Gottes sucht (nicht den des Pfarrers, das ist ein Unterschied!), ahnt oder weiß bereits, wie unwägbar das Leben sein kann. Das erleben homosexuelle Paare genauso wie heterosexuelle.

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Für Julia Heyde de López ist die Bitte um Segen ein Grundpfeiler des Glaubens.

Zudem haben evangelische Landeskirchen seit über hundert Jahren die standesamtliche Eheschließung als Voraussetzung der kirchlichen Segnungsfeier akzeptiert. Beliebig wäre es, jetzt plötzlich Paaren die Bitte um den Segen zu verweigern, zumal viele Landeskirchen die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare befürworten.

Mein Fazit: Beim Segen gibt es keine Bedingungen. Ihn zu erbitten, ist für mich ein Grundpfeiler des Glaubens, und an dem kann man nicht einfach sägen. Es bleibt dabei: "Der Himmel ist offen für alle, die sich nach ihm sehnen." Deshalb wünsche ich allen Heiratswilligen: zugewandte Pfarrerinnen und Pfarrer, eine tolle Feier, ein Herz voller Liebe und Vertrauen und - Gottes Segen!

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

Kirche im NDR | Radiokirche bei N-JOY | 17.05.2019 | 10:40 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr