Stand: 10.04.2019 09:55 Uhr

Kolumne: "Auf sein Herz hören"

von Julia Heyde de López
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Lebt in Mexiko ein selbstbestimmtes Leben als Näher: Alberto López Gómez.

Eine Zufallsbegegnung im Kulturzentrum von in San Cristóbal de las Casas, einer kleinen, bunten Stadt im Süden Mexikos. Dort lerne ich im Urlaub Alberto kennen, 30 Jahre alt, mit jungenhaften Gesichtszügen und schüchternem Lächeln. Er kommt aus einem indigenen Dorf in den Bergen von Chiapas. Seine Muttersprache sei Tzotzil, erzählt er, erst vor wenigen Jahren habe er richtig Spanisch gelernt. Alberto trägt ein kunstvoll genähtes und verziertes Hemd, ein sogenanntes Huipil, und ich kann es kaum fassen, als er sagt, er habe es selbst angefertigt.

Nähen ist in Mexiko eigentlich Frauensache

Alberto ist Näher und Designer. Und das ist mehr als ungewöhnlich für einen Mann, der zur Gruppe der Tzotzil-Maya gehört. Seine Mutter hat ihn gewarnt, als er ihr das erste Mal von seinem Wunsch erzählte, nähen zu lernen: "Bei uns gehen die Männer aufs Feld, mein Sohn, Nähen ist Frauensache, hat sie zu mir gesagt. Aber ich war ganz sicher, ich will das machen." Also brachte ihm seine Mutter bei, was sie konnte. Natürlich hatten nicht alle in seinem Dorf Verständnis. Er musste viel Spott und Häme über sich ergehen lassen. Das war schmerzhaft. Aber beirren ließ er sich nicht.

Alberto hat sich von Vorurteilen befreit

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Julia Heyde de López rührt die Geschichte von Alberto López Gómez.

Heute lebt Alberto in San Cristóbal de las Casas. Dort webt und näht er seine Kleidung nach traditionellen Vorbildern und Mustern. Diese Hemden und Blusen sind wie ein Buch: Sie erzählen von seinem Volk, man müsse sie nur zu lesen wissen, erklärt Alberto. Und während er das sagt, strahlen seine tiefbraunen Augen.

Albertos Geschichte rührt mich. Hier ist einer, dessen Weg eigentlich vorgezeichnet war und der sich davon befreit hat. Der sich gegen Genderbarrieren und Vorurteile durchsetzt und den Spöttern und Zweiflern mit Talent ein Schnippchen schlägt. Und der weiß: Außerhalb dieser Rollenvorgaben wartet zwar nicht das gelobte Land, aber ein selbstbestimmtes Leben. Alberto hört auf sein Herz.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

Kirche im NDR | Radiokirche bei N-JOY | 12.04.2019 | 10:40 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr