Stand: 11.07.2018 09:55 Uhr

Kolumne: "Raus aus der Sprachkrise"

von Julia Heyde de López

Asylkrise? Regierungskrise? Ich denke, was wir zurzeit in Deutschland erleben, ist vor allem eine Krise der Sprache - verursacht durch den Gebrauch von zu vielen Unworten.

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Unworte säen Angst und Misstrauen, sagt Julia Heyde de López.

Aufzählen werde ich sie hier jetzt nicht, ich will ihnen kein Forum geben. Aber es sind doch nur Worte, werden Sie vielleicht einwenden, und es wird viel geredet, wenn der Tag lang ist. Ich bin anderer Meinung. Worte wirken. Mich beunruhigt darum, wie für parteipolitische Zwecke die Grenzen des Sagbaren mit voller Absicht verschoben werden, immer wieder und immer mehr. Das ist kein harmloses Geschwätz. Worte verletzen, verschleiern, unterstellen, wiegeln ab und auf und treten noch mal nach. Die Krise unserer Sprache sät Misstrauen, schafft ein kaum zu rechtfertigendes Klima der Angst und Unsicherheit. Und das mit Ziel und Methode. Neu ist das nicht. "Die Zunge ist ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet es an", lese ich im Jakobusbrief. Und der chinesische Lehrmeister Konfuzius warnte schon 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung, dass ein schlechter Sprachgebrauch eine Staatskrise hervorrufen kann.

Mit Worten aufrichten

Denn das Schlimme ist: Mit den Grenzen des Sagbaren verschieben sich auch unsere Grenzen des Denkbaren und Machbaren. Und wenn wir uns daran gewöhnen, verschieben wir unser Herz und Mitgefühl, kurz unsere Menschlichkeit, gleich mit. Zum Glück funktioniert es auch anders herum. "Die Worte eines gedankenlosen Schwätzers verletzen wie Messerstiche; was ein weiser Mensch sagt, heilt und belebt." Das Bibelwort greift der US-amerikanische Sänger TobyMac auf, wenn er rät: "Speak life!" Unsere Worte können "mit jeder Silbe Berge zum Einstürzen bringen", meint er. Hoffnung lebt oder stirbt mit dem, was wir sagen.

Worte sollen dazu dienen, andere aufzurichten, ein Licht anzuknipsen, wenn es düster ist. Das ist es, was wir brauchen, um den destruktiven Lauf der Unworte zu unterbrechen: Radikal und unbeirrbar allen Hoffnung und Gutes zusprechen, die es so nötig brauchen. "Gesegnet sei, wer etwas Freundliches sagt; dreimal gesegnet, wer es wiederholt", ist ein weises Sprichwort voller Menschlichkeit. Ein Lebenswort, das ich gerne als Anker auswerfe.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr