Stand: 16.01.2020 07:45 Uhr

Kolumne: "Chillt mal!"

von Stefanie Grossmann

"Sie guckt gerne verträumt aus dem Fenster und verfolgt nicht aufmerksam den Unterricht", - heute bin ich stolz auf den Eintrag in meinem Zeugnis aus der fünften Klasse. Denn irgendwie war ich intuitiv meiner Zeit voraus. Ich brauche die kleinen Momente, die kurzen Auszeiten vom Alltag.

Welt-Nichts-Tag: Einfach nur Nichts tun

Eine junge Frau trägt Kopfhörer und schaut aus einem Fenster ins Grüne. © photocase Foto: Manu Reyes
Am Welt-Nichts-Tag geht es darum, einfach mal nicht zu tun.

Gedanken schweifen lassen, sie nicht im Kopf hin und her bewegen. Keine hektische Betriebsamkeit an den Tag legen. In den USA gibt es dafür sogar einen Feiertag - den Welt-Nichts-Tag. Genervt von einer Fülle von Gedenk- und Aktionstagen rief der Kolumnist Harold Pullman Coffin am 16. Januar 1973 den "National Nothing Day" aus. An diesem Datum geht es darum, einfach nur Nichts zu tun. Langweile und Muße zulassen.

Menschen ertragen lieber Unangenehmes als Nichts

Vielen Menschen fällt Nichtstun sichtlich schwer, sie können nicht stillsitzen, ertragen kein Schweigen oder keine Stille, schauen alle fünf Minuten auf ihr Handy. Sich selbst aushalten, mit sich allein sein - das ist, zugegeben, keine leichte Übung. Noch dazu, wenn Wörter wie Taugenichts, Tunichtgut oder Nichtsnutz durch den Kopf schwirren - das Nichts ist einfach nicht positiv besetzt. Man darf nicht Nichts tun.

In den USA haben Wissenschaftler dazu Versuche mit Probanden zwischen 18 und 77 Jahren gemacht. Bis zu 15 Minuten waren sie in einem leeren Raum untergebracht, ohne jegliche Ablenkung. Viele haben diese Situation als sehr unangenehm empfunden, einige verabreichten sich sogar leichte Elektroschocks. Sie ertrugen also lieber etwas Unangenehmes als nichts.

Langeweile ist Quelle der Kraft

Stefanie Grossmann © NDR Foto: Christine Raczka
Es ist gut manchmal gegen den Strom zu schwimmen, findet Kirchenredakteurin Stefanie Grossmann.

Dabei ist Langeweile so wichtig. Nicht nur, dass sie Körper und Geist guttut, sondern sie schafft auch Raum für Kreativität, lässt neue Ideen wachsen, hilft Lösungen zu finden. Langeweile als Quelle der Kraft - doch wer zu dieser Quelle möchte, muss gegen den Strom schwimmen, sagt ein chinesisches Sprichwort. Lassen wir den lieben Gott einfach mal einen guten Mann sein. Tun wir einfach mal nichts. Denn schließlich steht auch in der Bibel, dass alles seine Zeit hat. Gönnen wir es uns. Oder, wie mein Sohn sagt: "Chillt mal!". Dafür einen Anker der Hoffnung.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 19.01.2019 | 07:45 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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