Stand: 10.11.2019 07:45 Uhr

Kolumne: "Leider nicht lieferbar!"

von Stefanie Grossmann
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In Deutschland kommt es immer wieder zu Lieferengpässen bei Medikamenten.

Der Apotheker schüttelt den Kopf: "Nein, leider nicht lieferbar." Zum wiederholten Mal ist ein wichtiges Medikament nicht zu haben. Mein Sohn leidet an Epilepsie, er braucht dieses Präparat, um Anfälle zu verhindern. Die kommen ohne Vorwarnung, er stürzt, dann zuckt der Körper unkontrolliert, seine Augen verdrehen sich, die Atmung ist schwer - und das für mehrere Minuten. Zurück bleiben immer blaue Flecken, aber manchmal auch Schnittwunden oder Knochenbrüche.

Mensch ist Spielball wirtschaftlicher Interessen

So wie uns geht es auch anderen Betroffenen mit dieser Krankheit. In einem ARD-Magazin erzählt eine Mutter, wie sie für ein nicht lieferbares Medikament einen Facebook-Aufruf gestartet hat. Ohne die Tabletten durchlebt ihre Tochter einen kalten Entzug, sie kann schwere Krämpfe bekommen, die bis zum Tod führen können. Wenn Kinder leiden, ist das für Eltern nur sehr schwer zu ertragen. Wenn dann lebenswichtige Medikamente nicht lieferbar sind, stellt sich bei mir ein Gefühl der Hilflosigkeit ein.

Rund 500 Medikamente sind derzeit in Deutschland nicht lieferbar. Der Grund: Die Produktion liegt in der Hand weniger Hersteller, überwiegend in Asien, weil es billiger ist. Treten dort technische Probleme auf, kommt es zu Engpässen. Aber auch Rabattverträge von Krankenkassen gefährden die Versorgung. Durch diese Engpässe werden Betroffene zum Spielball wirtschaftlicher Interessen, nämlich, wenn es um Profit geht und der Mensch auf der Strecke bleibt. In einem reichen, westlichen Industrieland ist das ein Skandal.

Körperliche Schwäche von Menschen annehmen

Für chronisch Kranke ist es schon schwer genug, mit einem Stigma zu leben. Viele Außenstehende, die einen epileptische Anfall sehen, denken im ersten Moment, der Betroffen sei betrunken oder geistesgestört. Unter anfallsartigen Attacken soll auch der Apostel Paulus gelitten haben. In seinen Briefen schreibt er wiederholt über diese körperliche Schwäche (Galater 4,13). Doch Paulus findet Zuflucht in der Gnade Gottes: "Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2.Korinther 12,9) Jesus, der ein Herz für die Ausgestoßenen aus der Gesellschaft hat, blickt mit Liebe auf Paulus und seine körperliche Schwachheit.

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Kirchenredakteurin Stefanie Grossmann wünscht sich mehr Verständnis für kranke Menschen.

Gnade und Liebe für kranke Menschen wünsche ich mir von der Gesellschaft. Von einer profitorientierten Pharmaindustrie sind sie wohl nicht zu erwarten. Lieferbare Medikamente! Dafür einen Anker der Hoffnung.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 10.11.2019 | 07:45 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr