Pfeile zeigen die Worte Negativity und Positivity an. © Colourbox

Kolumne: "Die guten Vibes"

Stand: 27.06.2021 07:30 Uhr

"Happy", "Enjoy", "Good": Die sozialen Medien sind voll von solchen Worthülsen. Dabei ist "toxische Positivität" alles andere als gut. Denn überzogener Optimismus lässt keine negativen Gefühle zu.

von Julia Heyde de López

Gutgelaunt um jeden Preis, dauer-happy auf der Sonnenseite des Lebens, good vibes only - das kann irgendwann ungesund werden. "Toxische Positivität" heißt das Stichwort, das jetzt immer häufiger in den sozialen Medien auftaucht. Dahinter steckt die Annahme, dass übertriebener Optimismus und verordnetes Glücklichsein schaden, wenn sie so viel Raum einnehmen, dass wir andere - auch negative - Gedanken und Gefühle nicht mehr zulassen. Bei uns selbst und auch bei anderen.

Tatsächlich versetzt es mir einen Stich, wenn Menschen Probleme, körperliche Schmerzen oder seelische Not einfach ausblenden und abbügeln. Wenn sich hinter einer vorgeblich positiven Einstellung eigentlich Sprach- und Empathielosigkeit verbergen und es im Miteinander nur zu desinteressierten Trostfloskeln reicht, nach dem Motto "Steck den Kopf nicht in den Sand!"

Gleichgewicht finden zwischen fröhlich und traurig sein

Es ist fraglos richtig: Wir sollten "nicht stets vor unserer Seele Posten" stehen, wie Erich Kästner es formulierte, und dürfen, wenn wir traurig sind, einfach traurig sein. Andererseits wäre im Grübeln und Jammern zu verharren und tagaus, tagein die schlechte Laune spazieren zu führen, genauso übel und keine Lösung. Es ist also, wie meist, eine Frage des Gleichgewichts. Alles hat seine Zeit: lachen und weinen, klagen und tanzen. Zuhören, annehmen, mitfühlen und mitfeiern.

Julia Heyde de López © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Kirchenredakteurin Julia Heyde de López ist dankbar für alle aufrichtig guten Vibes.

Unsere Gedanken haben Kraft, auf sie zu achten, ist wichtig. Positiv denken heißt deshalb für mich, mit Zuversicht zu leben, wohl wissend, dass Krisen, Krankheit, Verlust und Trauer dazugehören. Ich bin dankbar für alle aufrichtig guten Vibes, die mir geschenkt werden und die ich gerne mit anderen teile, aber ich muss auch nichts schönreden und weglächeln.

Jesus hat alle eingeladen, die mühselig und beladen sind, nicht um sie eben mal auf die Sonnenseite des Lebens zu verweisen, sondern um sie mit allem, was sie tragen, wahrzunehmen, Stärkung anzubieten und ihnen ein Anker der Hoffnung zu sein.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 27.06.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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