Werkvertragsarbeiter zerlegen Schweine. © NDR

Kolumne: "Erster Mai ohne die Kirchen"

Stand: 02.05.2021 07:30 Uhr

Pfarrer Peter Kossen aus dem Landkreis Vechta kämpft seit Jahren gegen die menschenunwürdigen Bedingungen in der Fleischindustrie. Aktuell fordert er Corona-Impfungen für die Beschäftigten in dem Bereich.

von Klaus Böllert

Endlich war der Scheinwerfer an. Viele Jahre schon wurden Leiharbeiter in der Fleischindustrie ausgebeutet. Nach Corona-Ausbrüchen in Schlachtbetrieben bedrohte deren enge, miserable Unterbringung auch die bürgerliche Mehrheit. Infektionsgefahr! Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Leiharbeiterinnen und Arbeitern wurden - endlich - aus dem Dunkeln ins Licht geholt. Letztes Jahr war das. Der größte Schlachtbetrieb Deutschlands liegt im Bistum Münster. Dessen Bischof Felix Genn gab offen zu: "Es ist beschämend, wie lange wir in der Kirche weggeschaut haben. Menschen würdig unterzubringen und gerecht zu bezahlen, sollte selbstverständlich sein."

Ausbeutung in der Arbeitswelt ist kein Kernthema der Kirchen

Fast schon berühmt wurde in dieser Zeit Pfarrer Peter Kossen, der sich seit vielen Jahren für Würde und Rechte der Leiharbeiterinnen und Arbeiter einsetzt. Er ist auch berühmt, weil er so allein ist. 

Ja, es gibt in der evangelischen Kirche den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, der sich aktuell zum Beispiel in Hannover für einen gekündigten Betriebsratsvorsitzenden einsetzt. Die katholische Kirche in Itzehoe arbeitete erfolgreich mit bei einem runden Tisch. Da ging es um die Unterbringung von Leiharbeitern. Aber ehrlich gesagt, sich gegen Ausbeutung in Deutschland einzusetzen, ist nicht gerade ein Kernthema der Kirchen. 

Peter Kossen nimmt die Kirchen in die Pflicht

Pfarrer Kossen nennt als einen Grund die Tendenz der Kirchen zu verbürgerlichen. Es seien kaum prekär Beschäftigte in den Gemeinden. Ich teile diese Beobachtung und sehe noch einen weiteren Grund. Für die Umwelt beispielsweise kann ich leicht und schnell etwas tun, ein Insektenhotel aufstellen beispielsweise. Obdachlosen helfe ich unmittelbar, wenn ich einen Schlafsack ausgebe. Die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern zu ändern, ist harte, langwierige, komplizierte und politische Arbeit. 

Klaus Böllert © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Kirchenredakteur Klaus Böllert hofft, dass sich die Kirchen mehr für prekär Beschäftigte engagieren.

Die kann sich aber lohnen. Seit dem 1. Januar ist es verboten, Arbeiter mit Werkverträgen in der Schlachtung und Zerlegung einzusetzen. Bei den drei größten Schlachtbetrieben Deutschlands wechselten 12.300 Angestellte von Subunternehmen in die Stammbelegschaft.  Also doch einen Anker der Hoffnung, dass sich die Kirchen mehr für prekär Beschäftigte einsetzen und sich deren Arbeits- und Lebensbedingungen in Deutschland bessern.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 02.05.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

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