Stand: 28.05.2020 09:07 Uhr

Kolumne: "Gehirn nutzen - nicht auffressen!"

von Klaus Böllert
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Stagnation hilft nicht weiter, findet Kirchenredakteur Klaus Böllert.

Sie sieht wie ein wabbeliges Gummi-T mit drei Öffnungen aus. Die Seescheide, sagt mein Lexikon, ist ein sesshaftes Manteltier, das weltweit die Meere besiedelt. Faszinierend, auch lustig und vielsagend finde ich ihr Verhalten: Larven der Seescheide nutzen ihr Gehirn, um sich fortzubewegen und sich zu orientieren – bis sie einen guten Platz gefunden haben. Zum Beispiel einen Felsen, an den sie sich klammern können.

"Hier ist es gut, hier kann ich bleiben, hier muss sich gar nichts mehr ändern", das sind dann so die letzten Gedanken der Seescheide. Ihr Gehirn? Braucht sie nicht mehr. Es verkümmert – und was am Gehirn Nährstoff ist, wird von der Seescheide genutzt. Man kann also auch sagen: Sie frisst ihr eigenes Hirn.

Veränderungen brauchen Mut

Ich wage jetzt mal den Sprung aus dem Meer in unsere Gemeinden und behaupte: Manchmal verhalten die sich wie Seescheiden. Neue Gottesdienstzeiten? Der Sankt Martinszug auf neuen Wegen? Die Kommunion soll nur noch vorne ausgeteilt werden? Immer muss man gegen die Seescheiden-Argumentation kämpfen: "Was wollt ihr eigentlich? Das war die letzten 40 Jahre nicht so und kann auch ruhig bleiben wie immer". Die Kirche ist immer in Gefahr, so zu reagieren. Ist ja auch nicht einfach, zwischen guter jahrhundertealter Tradition und genau so lang lähmender Gewohnheit zu unterscheiden.

Pfingsten feiern wir den Geist, der uns stärkt, der alles neu macht. Die letzten Wochen haben auch bewiesen, dass unsere Gemeinden das können. Sie reagierten auf die Pandemie mit Einkaufsdiensten für Risikogruppen, mit Gottesdiensten auf Facebook, Bibelgesprächen auf Zoom und in meiner Gemeinde mit einem Brief an alle Senioren mit der Aufforderung, die Seelsorgerinnen und Seelsorger anzurufen, was viele dann auch nutzten.

Christen brauchen Mut zur Veränderung und dazu brauchen sie ein offenes Herz und ein waches Gehirn. Ein Herz für die Seescheide, die mich zum Lachen und Nachdenken bringt.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 31.05.2020 | 07:30 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr