Stand: 20.10.2019 07:45 Uhr

Kolumne: "Nobody is perfect"

von Klaus Böllert
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Auch wenn Zucker ungesund ist, muss man ihn nicht gänzlich verdammen.

"Hast du dir mal deine Schuhe angeschaut?" Triumphierend schaut meine Kollegin auf die Ledersohlen der Frau neben ihr. Die ist Vegetarierin, aber nun: erwischt! Auch für sie wurde ein Tier getötet. Genau so wird auf die Jugendlichen gezeigt, die für Klimaschutz demonstrieren, aber fleißig die Akkus der Smartphones aufladen. "Inkonsequent", so der Vorwurf. Und ich lese von einem Vater, der seinem Kind morgens einen Geburtstagskuchen mit in die Kita gegeben hat und sich für den Zuckerguss auf dem Kuchen entschuldigte. Wie gedankenlos, wo doch jeder weiß, wie ungesund Zucker ist.

Gott liebt nicht nur perfekte Menschen

Ich finde diese Kritik und diesen Anspruch an ethische Perfektion maßlos - und auch unchristlich. Wenn nur Menschen für etwas einstehen dürften, die selber ohne Fehl und Tadel leben, müssten wir vielleicht als erstes die Kirchen dicht machen. Ich jedenfalls lebe nicht total glaubwürdig. Trotzdem darf ich mich Christ nennen. Ich versuche es ja immer wieder. Und manchmal gelingt mir auch etwas. So geht es auch den Klimaschützern und der Vegetarierin. Die tun was, auch wenn sie das nur 70, 80 oder 90 Prozent konsequent leben.

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Es ist gut eigene Schwächen zuzugeben, sagt Kirchenredakteur Klaus Böllert.

Sonntags im Gottesdienst werde ich wieder bekennen, dass ich nicht perfekt bin, dass ich gesündigt habe. Deshalb steht am Beginn eines Gottesdienstes die dreifache Bitte "Herr, erbarme Dich!" Ich finde das befreiend, denn Christen glauben an einen Gott, der vergibt und der mich dann noch im Gottesdienst zur Tischgemeinschaft einlädt, beim Abendmahl, der Eucharistie. Und mir Kraft gibt, mich weiter für eine bessere Welt einzusetzen. Gott liebt nicht nur die perfekten Menschen, falls es die gibt. Vor ihm darf ich Schwächen und Fehler bekennen, um Vergebung bitten, neu anfangen, immer wieder, weil er mich und uns liebt. Das ist das Versprechen. Und das feiere ich sonntags im Gottesdienst.

Deswegen heute ein Herz für alle, die Schwächen bei anderen akzeptieren und eigene Schwächen zugeben.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 20.10.2019 | 07:45 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr