Stand: 03.12.2015 14:40 Uhr  | Archiv

S

von Oliver Vorwald

"Die Weihnachtsgeschichte bei Matthäus beginnt mit einer langen Liste von Namen. Alle Vorfahren von Josef werden aufgezählt. Dabei ist der ja gar nicht der Vater von Jesus. Wäre nicht der Stammbaum von Maria viel sinnvoller gewesen?"

Frauen regier'n die Welt. Kein Boss, kein Staat, kein Actionheld. So singt es Roger Cicero. Mit dieser feministischen Ansage landet der Jazzmusiker - Markenzeichen der Hut mit schmaler Krempe - 2007 einen Hit. Ohne Mädchen und Mütter läuft auf dieser Welt gar nichts, klingt es im Liedtext an. Auf dieser Linie liegt übrigens auch die Darstellung von Maria im sogenannten Jessebaum in der Hildesheimer Michaeliskirche.

Bild vergrößern
Die farbenprächtige Holzdecke im Hildesheimer Dom zeigt den Stammbaum Jesu.

Beim Hildesheimer Jessebaum handelt es sich um ein Deckengemälde aus dem 13. Jahrhundert. Im Zentrum steht ein kräftiger Stamm mit vielen Ästen. An den Zweigen finden sich 42 kleine und acht große Porträts. Eines der großen Bilder zeigt David, ein anderes Maria. Dann wäre da noch Christus. Auch mit dabei - allerdings im Miniformat - Zimmermann Josef.

Ohne Maria wäre nichts gelaufen

Ganz klar. Der Hildesheimer Jessebaum bildet den Stammbaum Jesu ab. Grundlage dafür ist das Neue Testament. Matthäus und auch Lukas zählen darin die männlichen Vorfahren Jesu auf (Matthäus 1,1-17 und Lukas 3,23-38) Allen voran Josef. Eine leichte Unwucht. Denn der Zimmermann ist nicht der leibliche Vater Jesu, aber er muss dabei sein. Über Josef, so die Bibel, läuft die Ahnenlinie Jesu bis auf Jesse zurück. Es geht dabei um den Wahrheitsgehalt einer alten Prophezeiung: Gottes Sohn stammt aus der Familie von König David (Jesaja 11,1-16). Jesse ist dessen Vater. So kommt es übrigens zum Namen Jessebaum. Ein weiblicher Stammbaum hätte damalige Hörer nur irritiert. Feministische Ansagen waren vor 2.000 Jahren unbekannt.

Weitere Informationen

St. Michaelis - Die "Gottesburg" von Hildesheim

Die Hildesheimer Michaeliskirche ist der bedeutendste romanische Bau nördlich der Alpen und Weltkulturerbe. Nach gründlicher Renovierung sieht sie heute wieder so aus wie 1010 geplant. mehr

Christus regiert die Welt. Um seinen Kopf ein Heiligenschein mit Kreuz. So zu sehen am Hildesheimer Jessebaum. Das Deckengemälde aus dem Mittelalters gleicht die Unwucht in der biblischen Ahnenliste etwas aus. Es nimmt Maria in den Stammbaum Jesu hinein. Ihr Bild ist sogar größer als das von Josef. Das wiederum klingt modern, irgendwie angemessen. Weil ohne Maria tatsächlich nichts gelaufen wäre in der Weihnachtsgeschichte.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kirche/Kirchenlexikon-Stammbau-Jesu,jessebaum100.html