Stand: 08.07.2015 13:40 Uhr  | Archiv

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von Oliver Vorwald

"Mit meiner Frau habe ich gerade Urlaub in Ostfriesland gemacht. Es gibt dort viele alte Kirchen. Auf manchen habe ich etwas Komisches entdeckt. Da sitzt statt eines Wetterhahns ein goldener Schwan. Habe ich mich da versehen? Ist das etwa der sprichwörtliche Ostfriesenwitz?"

"Mein lieber Schwan!" Für Ostfriesland stimmt dieser Ausspruch in jedem Fall. Vor allem wegen der Kirchen zwischen Jade und Ems. Denn auf etlichen Gotteshäusern thront tatsächlich ein goldener Wetter-Schwan. Es ist aber kein platter Witz, der den majestätischen Vogel da hinauf gebracht hat. Hinter dem Wappentier steht eine alte Legende.

Wie kommt der Schwan aufs Dach?

Die Geschichte zum Schwan spielt im Juli 1415. Ort des Geschehens ist Konstanz. Am 6. Juli klirrt Flötenspiel durch die Gassen der freien Reichsstadt. Landsknechte eskortieren einen Mann zur Hinrichtung. Der Todeskandidat heißt Jan Hus. Er ist Priester und Universitätsprofessor aus Prag. Seine Landsleute, die Tschechen, nennen ihn "Reformator". Nicht ohne Grund. Denn Jan Hus schreibt und predigt 1415 wie 100 Jahre nach ihm Martin Luther. Als der Prager Theologe auf dem Scheiterhaufen steht, soll er folgendes gesagt haben. "Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen." Ein treffender wie tragischer Satz. Denn "Hus" bedeutet auf Tschechisch "Gans".

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Martin Luther reformierte die evangelische Kirche.

Einhundert Jahre später wird aus Martin Luther ein Reformator. Er kennt die Schriften von Jan Hus, teilt dessen Ansichten. 1531 bezieht der Wittenberger Theologe die Prophezeiung des Tschechen auf sich. Dann kommt die Kunst. Maler und Grafiker nehmen den Ausspruch in ihr Bildprogramm auf. Sie zeichnen Martin Luther mit Schwan. In Ostfriesland setzen viele Gemeinden noch einen drauf. Sie bringen den majestätischen Vogel aufs Kirchendach. Sie wollen zeigen: Wir sind lutherisch. Reformierte oder katholische Kirchen hingegen tragen den typischen Wetter-Hahn.

Dunkles Kapitel Kirchengeschichte

Es ist also kein Witz, der den goldenen Schwan auf die Kirchendächer in Ostfriesland gebracht hat. Der majestätische Vogel erinnert auch an die dunklen Seiten der Kirchengeschichte. Solche schwarzen Kapitel tragen übrigens alle Konfessionen in sich. Entscheidend ist, wie sie damit umgehen. Die katholische Kirche hat es bei Jan Hus getan. 1999 spricht sie ihr tiefes Bedauern über den grausamen Tod des tschechischen Reformators aus. Eine wichtige und wohltuende Geste. "Mein lieber Schwan."

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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