Stand: 10.04.2019 11:20 Uhr

Die Straße als Ort der Besinnung

von Andreas Brauns

"Exerzitien, das sind doch geistliche Übungen, die Menschen in einem Kloster machen. Jetzt habe ich gehört, dass sich Exerzitien auch auf der Straße ausüben lassen. Stimmt das?"

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Geistliche Übungen sind auch auf der Straße möglich.

"Straßenexerzitien" gibt es seit knapp 20 Jahren. Entwickelt hat diese Bewegung, eine Spurensuche außerhalb von Kirchenmauern, der Jesuit Christian Herwartz mit seiner offenen Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg. Viele Gäste haben dort Gastfreundschaft erlebt. Und sie haben erfahren, dass in dem für sie ungewohnten Umfeld, sozusagen in der "Fremde" Spuren Gottes zu entdecken sind.

Auf der Suche nach Lärm und Stille

Exerzitien sind geistliche Übungen, bei denen Menschen begleitet werden. Wer sie ausübt, versucht etwas bewusst wahrzunehmen. Das geht mitten in der Stadt, ohne Geld und Handy, aber mit viel Zeit. Denn dann sind Menschen anders unterwegs. Die Straße wird so zu einem Ort der Besinnung. Etwa die Bank, auf die jemand sich setzt und einfach neugierig Menschen wahrnimmt. Vielleicht setzt sich jemand dazu und spricht die Person an, fragt mich nach dem Weg oder nach einem Euro. Wie gehen Menschen damit um? Lassen sie sich darauf ein oder regt sich Widerstand in ihnen? Da ist der Lärm der Stadt und die Sehnsucht nach der Stille, die gesucht werden muss.

Exerzitien lassen sich in den Alltag einbinden

Bei Straßenexerzitien werden Menschen ermuntert, voller Neugier in "fremde Welten" loszugehen. Und dann wahrzunehmen, was in ihnen geschieht. Niemand muss fromm oder darin geübt sein. Die Übungen sind schlicht: hinschauen, hören, riechen, tasten, schmecken - sich etwas zu Herzen gehen lassen. Während tagsüber jede Person allein in den Straßen unterwegs ist, trifft man sich am Abend zum Austausch in der Gruppe. Und dabei staunen manche. Denn die Erlebnisse, die offen und neugierig wahrgenommenen Ereignisse und Begegnungen zeigen im Nachhinein Spuren Gottes. Durch den Austausch spüren die Frauen und Männer, die sich zu Beginn der Exerzitien kaum kennen, eine Kraft, die sie zu Geschwistern im Geiste macht.

Dieses Üben auf der Straße verändert Menschen. Und, es lässt sich im Alltag jederzeit wiederholen. Einfach aufmerksam auf die Straße gehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 13.04.2019 | 09:15 Uhr

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