Haselmaus (Muscardinus avellanarius), zwei Jungtiere beim Winterschlaf. © picture alliance / imageBROKER | Terry Whittaker/FLPA

Kolumne: "Ab in den Winterschlaf!"

Stand: 12.12.2021 07:30 Uhr

Tiere im Winterschlaf fahren den Stoffwechsel und ihre Körperfunktionen herunter. Menschen können in der Regel nicht so lange in diesem Ruhezustand verharren, aber im Rückzug und in der Ruhe Kraft tanken.

von Julia Heyde de López

Noch einmal ordentlich futtern und dann für die nächsten Wochen Decke über den Kopf und ab in den Winterschlaf. Das wär' was. In meinem Freundeskreis findet der "Murmeltier-Gedanke" großen Anklang. Denn wir sind erschöpft. Alle. Ausnahmslos. Die Pandemie ermattet uns zunehmend mental, die Kreativ-Speicher sind leer und bei manchem zerrt es ordentlich an den Nerven. Draußen ist Winter, und drinnen irgendwie auch. Ich glaube, wenn wir sehnsüchtig von "Normalität" sprechen, die wir gern wieder zurückhätten, dann meinen wir nicht Theater, Reisen und große Partys. Sondern im Grunde sehnen wir uns danach, nicht mehr erschöpft zu sein.

Menschen versuchen jede Art von Winter zu vermeiden

"Wir stellen uns das Leben immer so gerne als einen wunderbaren, endlosen Sommer vor und glauben, wir hätten als Mensch versagt, wenn es das nicht ist", meint die englische Autorin Katherine May*. Dabei erlebe jeder Mensch persönliche "Winterperioden". Zeiten, in denen der Sinn zu fehlen scheint. Problematisch sei, dass wir das nicht anerkennen würden. "In unserer unablässig geschäftigen modernen Welt streben wir […] danach, jede Art von Winter zu vermeiden. Wir wagen es nicht, seine volle Kälte zu spüren, und wir wagen auch nicht, anderen zu zeigen, wie sehr er uns zusetzt", schreibt May.

Im "Winterschlaf" Kräfte sammeln

Julia Heyde de López © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
"Wir müssen für unsere Seele sorgen", sagt Kirchenredakteurin Julia Heyde de López.

Das Seltsame ist: Während wir versuchen, unsere inneren Winter verschämt voreinander zu verbergen, merken wir nicht, dass genau diese Gefühle von Einsamkeit und Verlorenheit uns mit anderen verbinden. Am Ende unserer Kräfte braucht es Ehrlichkeit. Und Seelsorge. Im wahrsten Sinne des Wortes müssen wir für unsere Seele sorgen. Mit Ruhe. Rückzug. Geduld. Gebet. Mit einem "Winterschlaf", der uns, wie die Natur, Kraft sammeln lässt. Ich vertraue darauf, dass aus Erschöpfung wieder etwas Schöpferisches werden kann. Irgendwann steht der Frühling vor der Tür. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

* Katherine May: "Überwintern. Wenn das Leben innehält"

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 12.12.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

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