Die Philosophin Ina Schmidt © Körber Stiftung Foto: Claudia Höhne

Ina Schmidt: "Uns fehlt häufig das gemeinsame Sinnerleben"

Stand: 21.07.2021 19:08 Uhr

Ina Schmidt hat etliche philosophische Bücher veröffentlicht. Ihr neustes Werk handelt von Verantwortung. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie geht es um eine gerechtere Welt mit Blick auf die Zukunft.

Klimakrise, Biolebensmittel, politische Rücktritte. "Wir müssen Verantwortung übernehmen" - ein beliebter, aktueller Satz. Die Philosophin Ina Schmidt vom Hamburger Institut "Denkräume" hat dazu ein Buch geschrieben: "Die Kraft der Verantwortung. Über eine Haltung mit Zukunft". "Verantwortung heißt, in eine antwortende Haltung zur Welt zu treten. Das macht uns stark", sagt Ina Schmidt. Dazu passt der Bibelvers aus dem Jeremia-Buch: "Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein."

Was ist aus philosophischer Sicht die Herausforderung bei dem Thema Verantwortung?

Ina Schmidt: Es geht in der Philosophie darum, erst einmal eine Begriffsklärung vorzunehmen. Und ich glaube, dass bei dem Begriff Verantwortung sehr verschiedene Vorstellungen in unseren Köpfen herumschwirren und wir ihn eben sehr unterschiedlich benutzen. Es ist eine große Herausforderung, die verschiedenen Ebenen, Vorstellungen und Kontexte, in denen wir es mit Verantwortung zu tun haben, auseinanderzuhalten.

Was heißt denn Verantwortung?

Schmidt: Es heißt, erst einmal eine Frage, einen Konflikt, ein Problem, eine Aufgabe, eine Antwort zu finden. Das findet sich in dem Wort selbst. Darin steckt schon das Wort Antwort drin. Es geht darum, sich klarzumachen, welche Möglichkeiten habe ich eigentlich, so eine Antwort zu geben. Wie kann ich das Wissen zusammentragen? Welche Informationen habe ich? Warum bin ich, wem gegenüber und aus welchen Gründen überhaupt verantwortlich? Wenn ich das tue, bin ich schon auf dem ersten Schritt, eine verantwortungsvolle Handlung auszuführen. 

"Die Kraft der Verantwortung" heißt Ihr neues Buch. Was hat das Thema für Sie persönlich aktuell gemacht?

Schmidt: Ich habe das Buch schon vor der Corona-Pandemie begonnen und festgestellt, dass ich mich immer mehr in Situationen wiedergefunden habe, wo es darum ging, dass ich für etwas verantwortlich bin, vielleicht sein könnte. Ob ich das als Mutter, Konsumentin oder auch als Teil meiner Arbeit immer wieder angesehen habe und mich gefragt habe: Bin ich tatsächlich in all diesen Situationen verantwortlich, warum ist das überhaupt so und was kann ich ausrichten? Woran macht sich das Ganze fest? Ich habe sozusagen immer mehr Fragen in mir selbst gefunden, die mit dem Thema Verantwortung zu tun hatten und habe irgendwann gedacht: Ich muss mich selbst auf diesen Klärungsprozess einlassen - und dann ist daraus mein Buch geworden.

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Die jüdisch-christliche Begründung, also, warum wir verantwortlich handeln wollen, liegt in einem Beziehungsgeschehen. Wie sieht das philosophisch aus?

Schmidt: Ja, auch da geht es tatsächlich darum, und es gibt einige Philosophen, die das darauf sozusagen runterbrechen, auf jemanden oder etwas zu antworten. Das ist die Tatsache, dass wir Gemeinschaftswesen, soziale gesellige Wesen sind, die immer in einem kulturellen Miteinander verknüpft sind. Und dass wir aus dieser Situation von einem Gegenüber angesprochen zu werden und zu sein, gar nicht entgehen können und wir damit also immer wieder als Reflexive, als antwortende Wesen auch herausgefordert werden, selbst sichtbar zu werden, Position zu beziehen, uns zu rechtfertigen im besten Sinne. Und häufig genug feststellen, dass es nicht nur diese eine Antwort oder Position gibt, die wir einnehmen können, sondern, dass wir uns auch selbst vergewissern müssen als diejenigen, die den anderen auch ein Gegenüber sein wollen. Es geht an der Stelle eben auch darum, in gute und tragfähige Beziehungen einzusteigen.

Verantwortung übernehmen, das klingt bei vielen nach Verzicht. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Schmidt: Es ist schon so, dass wir uns an irgendeiner Stelle unseres Lebens für etwas entscheiden, das wir für das Richtige oder das Gute halten, und wir dann damit auch bestimmte Möglichkeiten ausschließen. Wenn wir uns entscheiden, keine Flugreisen mehr in den Süden machen zu wollen, dann fallen bestimmte Dinge an Möglichkeiten für uns aus und wir müssen uns nach Alternativen umsehen. Und die Frage ist eben, ob wir diese Beschränkung als Verzicht erleben oder als Beitrag zu etwas, das eine Bereicherung sein kann, das dem Guten Aufschub gibt. Und ich glaube, das kann man an ganz vielen alltäglichen Situationen in seinem Leben feststellen.

Dazu passt dann auch der Titel Ihres Buches "Die Kraft der Verantwortung". Was macht stark, wenn man Verantwortung übernimmt?

Schmidt: Es ist ein Empfinden, tatsächlich einem sinnvollen Zusammenhang anzugehören. Also, wenn ich mich in Beziehung zu etwas oder jemandem setze und darin auch nicht allein, sondern in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten auf die Suche nach Antworten oder auch Handlungsoptionen gehe, dann bin ich Teil von etwas, was ich für sinnvoll halte. Und dieses Sinnerleben ist etwas, was wir häufig in anderen Kontexten vermissen, was uns fehlt, wonach wir suchen.

Was brauchen Sie selbst, um verantwortlich handeln zu können? Können Sie ein Beispiel geben?

Schmidt: Es ist natürlich immer so, dass wir erst einmal Freiheit brauchen. Und ich glaube, dass ich immer sehr privilegiert und in einer glücklichen Lage bin, dass ich mich häufig einfach für Dinge oder gegen Dinge entscheiden kann. Dass ich mich als Konsumentin durchaus in der Lage sehe, die Biogurke aus der Region zu kaufen und mich eben in manchen Stellen mit der Qualität der Lebensmittel, mit denen ich meinen Kühlschrank fülle, ganz anders auseinandersetzen kann, als es vielleicht andere Menschen können.

Kann Glauben aus Ihrer Sicht dabei hilfreich sein, dass wir in so ein verantwortliches Antworten treten können?

Schmidt: Ich denke schon, dass es eine sehr wichtige Kategorie ist, um gerade die Frage der Zuversicht, vielleicht auch der Hoffnung oder der Möglichkeit, etwas ausrichten zu können, dass wir dafür häufig auch an etwas glauben müssen, dass uns den Boden unter den Füßen nicht wegziehen lässt.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

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NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 24.07.2021 | 07:40 Uhr

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