Die Lyrikerin Nora Gomringer © Judith Kinitz Foto: Judith Kinitz

Im Anfang war das Wort mit Nora Gomringer

Stand: 03.11.2020 11:55 Uhr

Nora Gomringer ist Lyrikerin und Leiterin des Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg. Ihr neuer Band "Gottesanbieterin" ist ein Plädoyer für Gottessuche. Die Geschichte der Arche Noah begleitet sie seit ihrer Kindheit.

Was ist für Sie das Faszinierende an dieser Geschichte?

Nora Gomringer: Dass sie immer wieder in meinem Leben auftaucht. Dass sie mir geholfen hat. Ich hatte Probleme linguistischer Art und nahm die Kinderbibel zu Hilfe unter dem Gedanken, dass, wenn ich doch mit Gottes Wort das Sprechen übe und das Lesen übe, dann wird er mich ja nicht sabotieren. Und da war es in der Kinderbibel die Faszination über die Illustration der Geschichte von Noah. Und immer wieder die großen Verzweiflungen, die ich vermeinte zu fühlen, à la Noah, nämlich, dass alle um einen herum einen nicht verstehen und man aber selbst fühlt: Ich muss etwas Bestimmtes tun. Ich bin nicht unbedingt auserwählt, aber irgendwie etwas ruft in mir, ich muss das tun und gegen alle Widerstände handeln und deshalb quasi meine eigene Arche bauen.

Was war da Ihr besonderer Auftrag? Die Kunst zu machen, Lyrik schaffen damals schon?

Gomringer: Zum Teil. Manchmal hat es auch damit zu tun gehabt, mit der eigenen Familie. Menschen darin zu beschützen und Loyalitäten auszusprechen. Also insofern hat es auch sehr viel Privates immer wieder mitgetragen.

Aber da ist ja auch reichlich Zerstörungswillen in dieser Geschichte mit dabei. Da geht es ja wirklich um Leben und Tod.

Gomringer: Ja, der ist aber göttlich. Und was die Menschen darin machen, das ist das Überleben. Und mir hat das viel Hoffnung gebracht. Ich habe das oft gesehen als ein ganz tröstliches Bild von: Wer es dann schafft, der hält zusammen, der hat Erfahrung gemacht, der wird reicher an Erfahrung, der fängt irgendwo neu an.

Und wer ist dann mit Ihnen auf die Arche gegangen?

Gomringer: Also, ehrlich war es oft ein sehr einsames Bauen und auch ein einsames Segeln dann auf der Arche. Aber wenn Sie das Schreiben und mich als Dichterin da ansprechen, dann ist das natürlich genau das Feld, das ich mir gewählt habe: In der Literatur zu sein und mich auch nach dem Selbstverständnis quasi in eine lange Reihe, und an das Ende einer langen Reihe stellen zu dürfen von Dichterinnen und Dichtern durch die Jahrhunderte. 

Kann man sagen, dass die Lyrik Ihnen hilft, zu überleben?

Gomringer: Ja, immer. Schon immer.

Liegt es daran, sich selbst ausdrücken zu können? Dem Unsagbaren irgendwie Gestalt geben zu können?

Gomringer: Da ist noch eine Stufe davor. Es liegt im Trost der Worte, die andere gefunden haben für untröstliche Situationen.

Auf der anderen Seite haben Sie auch einmal in einem Interview gesagt: Ich hatte noch nie eine Vertrauenskrise mit Gott. Wie kriegen Sie das zusammen?

Die Lyrikerin Nora Gomringer © Judith Kinitz Foto: Judith Kinitz
Für ihren Text "Recherche" hat Nora Gomringer 2015 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

Gomringer: Das Interview muss ich im Prinzip seit meiner schweren Erkrankung 2018 im Herbst ganz anders noch einmal aufrufen. Weil, als ich so eine völlig unerwartete und für mich und meinen Körper völlig überfordernde Schmerzerfahrung gemacht habe, da war ich, glaube ich, nur in der Lage, noch mir selbst zu vertrauen auch sechs Tage. Ich fand es fast biblisch. Ich habe gedacht, das halte ich jetzt vielleicht noch sechs Tage aus und dann weiß ich nicht, was ich noch tun kann. Mein Gott! Von daher hatte ich sicher eine Krise in - ich weiß gar nicht, ob es Vertrauen war - es war einfach ein Erlösungswunsch. Ich muss es vielleicht wirklich zurücknehmen. Ich hatte schon meine Krisen, aber ich glaube, jede gute Beziehung - und so lehrt uns ja eigentlich der Blick auf Beziehungen, die von uns Menschen als wertvoll und "es wert" betrachtet werden - gehen nicht ohne Krisen an uns vorbei.

Und trotzdem: Sie haben davon gesprochen, das ist so wie ein ruhiger Ort. Sie sprachen sogar von einem ruhigen Kinderzimmer, das es bei Ihnen gibt. Ist das immer noch so? Auch nach der Krise?

Gomringer: Ich finde dieses Kinderzimmer immer noch in mir und kann da hineintreten und dort sind all die Grundlagen bestimmter Gefühle, die ich heute noch fühle.

Sie schreiben in "Gottesanbieterin": "Ich bin die Christin, die beim Chatten nach Fotos von Händen fragt, so ungläubig ist sie." Was ist Unglaube für Sie?

Gomringer: Ich kenne sehr viele Menschen, die von sich selbst sagen, dass sie überhaupt nicht gläubig sind, aber sie handeln zärtlich und sie handeln mit dem Guten des Menschen im Blick und von daher habe ich den Verdacht, dass sie doch sehr gerecht sind vor Gott. Von daher ist das mit dem Unglaube manchmal auch nur Sprachpolitik.

Ich habe auch gestaunt, weil ich den gesamten Band "Gottesanbieterin" also wirklich ganz stark ausgerichtet auf Gott oder getrieben von einer Gottsuche gesehen habe und ich habe gedacht: Wow, das ist wirklich fromm.

Gomringer: Ja, ich glaube, ich suche auch Frömmigkeit, weil sie Halt gibt und weil sie doch eigentlich sehr verbreitet ist. Für mich ist der Glaube eine durchaus nicht Lifestyle artige Bewegung in meinem Leben.

Wie gestalten Sie den? Also gibt es irgendwelche Rituale?

Gomringer: Ich bete. Ich bete täglich. Ich versuche, mir einmal am Tag zu sagen, dass ich dankbar bin und gehen könnte, sollte ich jetzt gerufen werden. Ich versuche, wenn ich Menschen Trost spende, auch in diese Richtung hin zu sprechen mit ihnen. Und ich gehe, so ich kann, in die Kirche.

Kann man sagen, dass das Ihr Werk "Gottesanbieterin" dann auch eine Zeit lang mit Ihnen auf der Arche Noah gefahren ist.

Gomringer: Ganz sicher, ja. 

Was würden Sie sagen, was bieten Sie da an? Oder was outen Sie? 

Gomringer: Es ist ein Bild vielleicht eines neuen frommen Ansatzes. Und es ist natürlich eine Art Selbstgabe.

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Im Anfang war das Wort mit Nora Gomringer

Ich musste mir auch meine Arche bauen, sagt die Lyrikerin Nora Gomringer. Die Geschichte von Noah begleitet sie schon ihr Leben lang. 8 Min

Als was zeigen Sie Gott?

Gomringer: Ich glaube als einen Ort. Ein Wesen, das würde mich irgendwie einengen in meinen Gedanken. Aber einen Ort. Vielleicht ist es dieses Kinderzimmer. Zumindest ist es ein Raum in einem Haus.

Ich komme noch einmal zurück auf die Noah-Geschichte: Wie stellen Sie sich die Situation vor, wenn Noah und seine Tiere die Arche verlassen? Wir haben jetzt sehr viel geredet über diese Bedrohung und mit der Arche durch ein Zerstörungsszenario sozusagen durchzuschiffern. Was passiert dann?

Gomringer: Ich glaube, da fiel auch schon der Begriff dazu: die Gnade. Wenn wir ein Erlebnis haben, bei dem wir Erlösung danach fühlen, dann wissen wir, dass uns Gnade widerfahren ist. Und genau dieses Moment wird es da gegeben haben. Ich kann mir das vorstellen, wie so eine große Rampe ausgebaut wird und dann die ersten da sich hinuntermachen und man selbst hervortritt.  Es muss wahnsinnig dunkel auf so einem riesigen Schiff gewesen sein. Und dann denke ich mir, dass die Sonnenstrahlen besonders schön gewesen sind. Ich glaube, dass ein tiefes Erleichterungsgefühl und ein Gefühl der Gnade da waren. Ja, ich muss im Prinzip genau wieder an diese Situation denken, als ich zum ersten Mal ohne Schmerzen aufgewacht bin 2018 nach einem Monat voller Zerrissenheit und Schmerz. Da war ich unfassbar dankbar!

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 07.11.2020 | 07:40 Uhr

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