Prof. Mojib Latif, Klimaforscher aus Kiel © Kirche im NDR Foto: Marco Voigt

Im Anfang war das Wort mit Mojib Latif

Stand: 03.11.2020 11:55 Uhr

Mojib Latif forscht in Kiel seit Jahrzehnten zum Thema Klimawandel. Genauso lang warnt er vor den katastrophalen Folgen der Erderwärmung.

In seinem neuen Buch "Heißzeit" schreibt Mojib Latif, es sei schon bedrückend, wie wenig die Menschen, und vor allem die Politiker, in der Vergangenheit auf die Wissenschaftler gehört hätten. Er vergleicht die Verdränger der Klimakrise mit der biblischen Figur Belsazar aus dem Buch Daniel. Der habe den Ernst seiner Lage auch komplett ausgeblendet, erläutert er im Interview.

Wie kommt es, dass Sie den Vers "Man hat Dich auf der Waage gewogen und für zu leicht befunden" aus dem Buch Daniel in ihrem Buch "Heißzeit" zitieren?

Mojib Latif: Ich finde, dass dieser Vers sehr gut zum Verhalten der Menschheit passt, was die Klimakrise angeht. Aber auch dazu, was die Umwelt und alle anderen großen Probleme angeht, vor denen die Menschheit steht. Wir ignorieren sie eigentlich. Und die, die wirklich etwas ändern könnten, tun es einfach nicht. Das sind vor allem die reichen Menschen in den Industrieländern.

Was ist der Grund, dass das in der Klimapolitik so langsam vorwärts geht?

Latif: Das ist ein sehr abstraktes Problem. Wir haben schon von Natur aus Kohlendioxid, also CO2, in der Luft. Das ist das wichtigste Gas bei der Erderwärmung ... und wenn man sich die Entwicklung grafisch anguckt, wie diese Kurve seit Beginn der Industrialisierung einfach durch die Decke schießt, dann ist es kaum zu glauben. Aber wir sehen es nicht, weil der Himmel sich nicht bräunlich, hässlich einfärbt. Wenn das der Fall wäre, würden die Menschen sofort handeln.

Aber das sind alles Werte, die nachzuweisen sind. Wir verdrängen, wir ignorieren - was ist der wirkliche Grund dahinter?

Latif: Wenn Probleme, und das sagt die psychologische Forschung, zu groß sind, einen förmlich erschlagen, dann fangen wir an, sie zu verdrängen - oder im Extremfall sie sogar in Frage zu stellen. Wir erleben es gerade bei der Coronakrise, dass es Leute gibt, die einfach das Problem in Abrede stellen und sagen, das sind alles Fake-News und böse Mächte, die uns einschränken möchten.

Können wir hier noch ruhig sitzen? Haben Sie gefühlt Angst?

Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif © Kirche im NDR
"Wohlstand und Klimaschutz sind keine Gegensätze", sagt der Kieler Klimaforscher Mojib Latif.

Latif: Nein, ich habe keine Angst. Obwohl ich die schon haben sollte. Nicht unbedingt, was meine eigene Person angeht, aber was viele Menschen in den armen Ländern angeht, die schon heute extrem unter diesen Verhältnissen leiden. Am Ende des Tages ist es für mich persönlich so etwas wie ein Arzt-Patient-Verhältnis. Ich muss einen klaren Kopf behalten. Wenn ich verrückt werden würde, würde das niemandem dienen.

"Gewogen und zu leicht empfunden" - das setzt ja auch einen Wertekodex voraus. Was ist das für Sie?

Latif: Der Wertekodex bedeutet für mich, Verantwortung zu übernehmen für alle Menschen auf dieser Welt, aber natürlich auch für die Natur, die Umwelt. "Gewogen und für zu leicht befunden", kann am Ende heißen, dass wir Menschen von diesem Planeten verschwinden, weil wir es nicht verdient haben, auf diesem Planeten zu leben. So ähnlich ist es Belsazar auch ergangen.

Belsazar stirbt am Ende. Aber Sie sagen, es gibt doch noch Hoffnung.

Latif: Ja, es gibt Hoffnung. Wir sind nicht ohne Möglichkeiten. Die Lösungen sind da. Wir müssen sie nur nutzen. Wenn wir über die Klimakrise sprechen, sind es die erneuerbaren Energien. Deutschland hat gezeigt, dass man da viel machen kann. Vielleicht nur zwei Zahlen dazu: Weltweit ist der CO2-Ausstoß seit 1990 um 60 Prozent gestiegen, aber in Deutschland im gleichen Zeitraum um 40 Prozent gesunken. Gleichwohl hätten wir in Deutschland noch sehr viel mehr machen können.

Sie sprechen in Ihrem neuen Buch von einer Werteallianz. Von den Mächten und Gruppen, die sich zusammentun können, um gegen die Klimakrise vorzugehen.

Latif: Ich denke, wer, wenn nicht die Kirchen, wenn nicht die Religionen sollten diese Werteallianz anführen.

Erleben Sie, dass die Kirche da nicht gegen vorgeht?

Latif: Es gibt schon Ansätze. Ich möchte die Umweltenzyklika des Papstes ansprechen, die sicherlich lesenswert ist. Aber trotzdem finde ich, die Kirchen könnten viel, viel mehr machen, aber natürlich auch die Religionen weltweit, beispielsweise der Islam. Eigentlich müsste doch ein Aufschrei durch die Religionen erfolgen, wenn sie sehen, wie wir mit der Schöpfung umgehen.

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Radiopastorin Susanne Richter und der Klimaforscher Mojib Latif © Kirche im NDR
9 Min

Im Anfang war das Wort mit Mojib Latif

"Wir brauchen keine Verzichtsdebatte. Wir können nur gewinnen", sagt Klimaforscher Mojib Latif. Verdränger der Klimakrise vergleicht mit der biblischen Figur Belsazar. 9 Min

Was für eine Beziehung haben Sie grundsätzlich zu der Kirche und zum Thema Glauben?

Latif: Ich selbst bin in einer Moschee in Hamburg aufgewachsen und habe deswegen natürlich eine Beziehung zum Glauben. Aber ich bin nicht sehr gläubig, fühle mich aber gewissen Werten verpflichtet und das eint letzten Endes alle Kirchen und alle Religionen. Und ich finde, das muss man wieder mehr in den Vordergrund bringen.

Haben Sie die Hoffnung, dass es etwas gibt, was über uns hinaus oder über unser Leben hinaus Bestand hat?

Latif: Niemand weiß das letzten Endes. Auch ich als Wissenschaftler kann nicht wissen, ob es da etwas gibt oder nicht. Irgendwo trifft sich natürlich Wissenschaft und Religion an einem Punkt, dem Urknall. Die Wissenschaft weiß auch nicht ganz genau, wie das Universum entstanden ist. Da glaube ich, kommen sich Religion und Physik auch sehr nahe.

In Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass wir positive Geschichten brauchen. Wer kann die stiften oder an was denken Sie dabei?

Latif: Wenn ich die Medienberichterstattung betrachte, dann wird oft thematisiert, worauf wir verzichten müssen. Ich finde, es geht hier gar nicht um eine Verzichtsdebatte, sondern darum, dass wir nur gewinnen können. Wir können durch Klimaschutz eine intakte Umwelt gewinnen. Das ist das Größte überhaupt. Ich sage immer: Klimaschutz ist ein Innovationsmotor schlechthin.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

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NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 07.11.2020 | 07:40 Uhr

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