Margot Käßmann © NDR Foto: Jessica Schantin

Margot Käßmann: "Ich kann gut loslassen"

Stand: 28.01.2021 08:50 Uhr

Den NDR Podcast "Mensch Margot" macht sie noch. Eigentlich ist Margot Käßmann im Ruhestand. Ein guter Einschnitt, sagt sie. Auch Mose habe Macht abgegeben.

"Und Mose rief Josua und sprach zu ihm vor den Augen von ganz Israel: Sei getrost und unverzagt; denn du wirst mit diesem Volk in das Land gehen, das der Herr ihren Vätern geschworen hat, ihnen zu geben, und du wirst es unter sie austeilen."

Was ist für Sie die zentrale Aussage von diesem Vers mit Ihren eigenen Worten?

Margot Käßmann: Mir ist das so eindrücklich, dass Mose gar nicht hadert damit, dass er jetzt seine Macht, seine Führungsposition abgeben muss. Dass er, der nun 40 Jahre das Volk durch die Wüste geführt hat, das gelobte Land nicht mehr sehen wird, sondern in großer Freiheit seinem Nachfolger sagt, du wirst jetzt übernehmen, ich gebe den Staffelstab ab und Du sei doch getrost und unverzagt. Gott wird Dich begleiten in dieser durchaus schwierigen Aufgabe, die vor Dir liegt.

Warum haben Sie sich den Vers jetzt ausgesucht? Was geben Sie gerade ab?

Käßmann: Ich habe viel abgegeben, in den vergangenen zwei, drei Jahren: mein Amt. Ich bin in den Ruhestand gegangen und kann ganz bewusst auch beruflich sagen, da sind jetzt jüngere Pastorinnen und Pastoren, die übernehmen, … und ich freue mich daran, wie sie das tun und habe da auch eine innere Freiheit zu sagen: Sie werden es anders machen. Aber ich finde es toll, wie sie es machen. Da ist eine junge Generation, denen ich das sehr wohl zutraue, dass sie gut übernehmen und das geht mir auch privat so. Ich sehe meine Töchter, die Kinder haben. Manchmal schmunzele ich auch ein bisschen, weil ich sehe, die perfekte Mutter gibt es eben nicht und den perfekten Vater auch nicht. Aber ich kann sagen, das ist jetzt nicht mehr meine Sorge, ich habe diese Großmutter-Position, die finde ich ganz nett und distanziert, mit großer Liebe, mit großer Empathie. Aber ich kann sagen: Ihr schafft das schon, Ihr macht das anders als ich vielleicht, aber seid getrost und unverzagt, auch Ihr werdet Eure Kinder begleiten auf dem Weg ins Leben.

In der Geschichte, da geht es ja ganz konkret um die Landnahmesituation. Wie können wir das übersetzen in die heutige Zeit?

Käßmann: Da sollten wir sehr vorsichtig sein, weil wir nicht sehen sollten, da kommt jetzt dieses Volk aus der Wüste an und sagt, so soll es weitergehen. Sondern es ist sehr klar, das Volk Israel steht jetzt in dieser biblischen Geschichte vor der Frage, wie viel Anpassung ist notwendig, um hier wirklich sesshaft zu werden - und wie viel Eigenes müssten wir bewahren. Das ist auch noch eine große Frage in einer Zeit der Globalisierung, die jetzt durch Corona ausgebremst ist. Aber Migrantinnen und Migranten, die zu uns kommen, werden einen Teil von unserer Kultur aufnehmen, sich anpassen. Aber es ist auch "normal", dass Du etwas mitbringst von Deiner eigenen Kultur, von Deiner eigenen Geschichte. Das geht uns doch so, wenn wir beispielsweise nach Brasilien reisen und da Deutsche oder Nachfahren deutscher Einwanderer in Brasilien Karneval feiern oder Oktoberfest. Das habe ich erlebt. Ich war übrigens noch nie zu so vielen Oktoberfesten eingeladen, wie einmal in einem Herbst in den USA. Da schmunzeln wir ein bisschen drüber und ich finde, das sollten wir auch in Deutschland ein bisschen mehr mit Leichtigkeit nehmen.

Die Theologin Margot Käßmann im Hörfunk-Studio bei NDR 1 Niedersachsen.

AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Margot Käßmann (7 Min)

In dieser Geschichte ist es so, dass da eigentlich nur von Männern gesprochen wird. Mose, Josua, da wird nur von Männern gesprochen erst einmal.

Käßmann: Das bedauere ich natürlich. Ich würde gerne vor allen Dingen die Rolle von Miriam hervorheben. Das war neben Aron, dem Bruder, die Schwester von Mose, die eine bedeutende Rolle gespielt hat bei dem Auszug aus Ägypten, die die Frauen überzeugt hat. Und wenn wir die Bibel lesen, auch voranschritt mit ihrem Lied und Musik zu sagen: Jetzt ermutige ich Euch, wir gehen. Die spielen eine untergeordnete Rolle in der biblischen Berichterstattung, weil die Texte von Männern verfasst waren und Frauen selten vorkommen, oft auch namentlich nicht genannt werden. Aber es macht mir große Freude - wenn ich Texte auslege - als Frau zu fragen: Wo sind diese Frauen, diese unentdeckten, ungenannten namenlosen Frauen. Und ich denke, da hat sich in der Auslegung der Bibel in den vergangenen Jahren auch sehr viel getan.

Mose, der hat die ganze Vorarbeit jetzt geleistet und Josua zieht dann ein in das gelobte Land. Da denkt man erst einmal, ungerecht ...

Käßmann: Ich denke eher, das ist Freiheit, das ist seine innere Freiheit. Ich habe jetzt diese Etappe geleistet, ich habe mein Bestes auf dieser Etappe getan und jetzt kann ich abgeben und auch das Zutrauen haben, dass die Nächsten das Werk weiterführen. Ich denke da sehr gerne an Martin Luther King. Am Vorabend seines Todes, seiner Ermordung hat er eine sehr bewegende Rede gehalten und hat gesagt: Ich würde auch gerne lange leben, Langlebigkeit ist schon ein Wert, aber ich bin heute Abend glücklich. Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen - da erinnert er ja an Mose - und habe das gelobte Land gesehen. Vielleicht werde ich das nicht mit Euch erreichen, aber ich bin überzeugt, wir kommen dahin. Und das, finde ich, einen großartigen Gedanken. Ich versuche, auf meiner Etappe das zu leisten, was ich zu leisten vermag und gebe dann aber auch in Freiheit ab an die nächste Generation.

Haben Sie darüber noch nie getrauert, dass Sie, als Sie gemerkt haben, mein Leben ist und bleibt auch auf einer Art und Weise Stückwerk?

Käßmann: Damit kann ich persönlich ganz gut umgehen. Ich bin dankbar für mein Leben, ich bin rückblickend sehr zufrieden. Ich habe gewiss Fehler gemacht im Leben, das ist gar keine Frage, aber es war doch prall gefüllt. Ich habe den Eindruck, dass ich Aufgaben wahrgenommen habe, die ich bewältigen konnte und ich habe eine Familie gegründet. Ich kann gut loslassen und sagen: Der Rest ist jetzt anderen anvertraut. 

Weitere Informationen
Theologin Margot Käßmann und Moderator Arne-Torben Voigts © NDR Foto: Jessica Schantin

"Mensch Margot!": NDR Podcast mit Käßmann und Voigts

Im Podcast "Mensch Margot!" mit Margot Käßmann und Moderator Arne Torben Voigts geht es um die großen und kleinen Fragen des Lebens. Alle zwei Wochen besprechen die beiden ein anderes Thema. mehr

Sei getrost und unverzagt, das sagt ja Mose jetzt zu Josua. Es könnte auch ihm selber gelten, weil er ja auch loslassen muss. Was tröstet Sie?

Käßmann: Ich finde Trost darin, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Das finde ich an der Geschichte des Jesus von Nazareth so beeindruckend. Wie immer Auferstehung aussehen mag, das weiß niemand von uns Menschen. Aber ich denke, dass die Geschichte des Jesus von Nazareth zeigt, dass sie nach seinem Tod begreifen und zur Verbundenheit mit ihm diese Liebe - die ist viel stärker als der Tod und der Tod hat eben, wie wir immer sagen, nicht das letzte Wort. Das finde ich tröstlich und macht mich zuversichtlich. Da wird etwas sein. Und wenn wir einen Menschen mit Liebe erinnern, dann spüren wir das auch. Diese Erfahrung können wir doch auch machen. Ich habe neulich mit meinen älteren Schwestern zusammengesessen und wir haben ganz intensiv am Tisch über unsere Mutter gesprochen und ich muss sagen: Mich hätte es überhaupt nicht gewundert, wenn sie dagesessen hätte, weil sie so präsent war. Und ich denke, das drückt auch was aus über diese Liebe, die über den Tod hinausgeht.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Porträt
Reformationsbotschafterin Margot Käßmann

Margot Käßmann - die "Bischöfin der Herzen"

Sie war hannoversche Landesbischöfin, EKD-Ratsvorsitzende und ist bis heute die "Bischöfin der Herzen". Ein Porträt der Theologin Margot Käßmann. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 30.01.2021 | 07:40 Uhr

Info

Die Evangelische und Katholische "Kirche im NDR" ist verantwortlich für dieses Onlineangebot und für die kirchlichen Beiträge auf allen Wellen des NDR.