Stand: 09.09.2020 14:00 Uhr

Ceglecki: "Ich und Glaube - eine lange Geschichte"

Lars Ceglecki absolvierte seine Schauspielausbildung in Hamburg und bekam danach ein Engagement am Altonaer Theater. Seit 2009 hat er als Regisseur an verschieden Häusern gearbeitet. 2014 begründete er mit zwei Schauspielkollegen das Hamburger Theater Das Zimmer im Stadtteil Horn. Sein Ortspastor hat ihm den Vers aus dem ersten Thessalonicher ans Herz gelegt: "Prüfet aber alles, und das Gute behaltet." Susanne Richter von der Radiokirche spricht mit Lars Ceglecki darüber, was der Bibelvers für ihn bedeutet.

Was ist für Sie der Kern dieses Verses in Ihren eigenen Worten?

Der Schauspieler und Regisseur Lars Ceglecki © Patrick Bieber Foto: Patrick Bieber
Schauspieler und Regisseur Lars Ceglecki ist Mitbegründer des Theaters Das Zimmer in Hamburg.

Lars Ceglecki: Zu aller erst ist es natürlich die Art und Weise, wie wir am Theater arbeiten, wenn wir proben. Wir versuchen, wenn wir ein Stück, Rollen oder Szenen erarbeiten, immer alles wieder zu hinterfragen, alles zu prüfen - jede Haltung, jedes Wort, jeden Satz, jede Bewegung. Ist es wirklich das, was wir ausdrücken wollen.

Was wäre das Gegenteil dieses Verses? Es liegt ja zunächst einmal auf der Hand, alles zu überprüfen. Aber kann man da auch anders rangehen?

Ceglecki: Ja, prüfe nicht alles. Entscheide vorher schon, ob du das gut findest oder nicht. Und das ist, glaube ich, auch etwas, das menschlich immer wieder vorkommt, zu sagen, ich habe meine eigenen Überzeugungen und Erfahrungen und meine Denkweisen. Und da kommen bestimmte Dinge eben nicht vor.

Was ist für Sie denn das Kriterium, ob etwas das Gute ist? Sie haben gerade gesagt: "Passt das zu der Rolle oder zu der Figur." Aber vielleicht geht das ja noch weiter?

Ceglecki: Ja, passt es auch zum Stück? Passt es zu dem, worum es in dem Stück geht.

Das Gute ist nicht nur eine Frage der gelungenen Inszenierung, sondern das Gute ist auch ein philosophischer Begriff. Kann das auch in diese Richtung gehen?

Ceglecki: Ja. Ich warne nur immer davor, auf der Bühne diesen Zeigefinger zu bespielen und immer zu behaupten, ich müsste als Schauspieler oder als Regisseur dem Publikum zeigen, was gut und was richtig ist.

Aber was ist das Kriterium dafür, ob etwas das Gute ist. Also ist das eine Gewissensfrage? Geht das in die Richtung?

Ceglecki: Man kann natürlich schon sagen, das Gute ist immer das, wenn das Gewissen sagt, das ist richtig so.

Geben Sie ein Beispiel. Gab es mal eine Situation?

Ceglecki: Ich kann sagen, wir haben ein Stück gespielt, das hieß "Das Schiff Esperanza". Da ging es um eine Flüchtlingsgeschichte, in der die Flüchtlinge niemals in dem Land ankamen, in das sie wollten. Stattdessen wurden sie auf offener See - auf einer Sandbank - ausgesetzt. Und das wurde in dem Stück nicht als negativ kritisiert oder thematisiert. Beim Publikum entwickelte sich dazu eine Haltung, jeder einzelne, der es gesehen hat, hat gefragt: "Das ist das Ende?" Das betrifft mich viel mehr, als wenn im Stück jemand sagen würde: "Also das ist aber nicht richtig, das dürfen wir nicht machen. Wir dürfen die nicht auf der Sandbank aussetzen. Wir fahren die anders wohin." Mir fällt gerade noch ein Zitat ein, das gut dazu passt. Ulrich Khuon, der ehemalige Intendant vom Thalia Theater, hat mal gesagt: "Wir sind nicht die Medizin, wir sind die Wunde." Wir zeigen also nicht immer die Lösung auf, sondern das Problem.

Und dann wäre für Sie aber das Gute, die Wunde zu zeigen?

Ceglecki: Ja.

"Prüfet aber alles, und das Gute behaltet." Welche Rolle spielt Glauben für Ihre Arbeit?

Ceglecki: Das ist eine lange Geschichte - ich und der Glauben. Ich bin konfirmiert. Danach hat mich Kirche aber nicht wirklich interessiert, sondern eher in den vergangenen zehn, 15 Jahren so Stück für Stück wieder zurückgeholt. Das lag an Personen, aber auch an Ereignissen, die dazu geführt haben, dass ich die Religion für mich wiederentdeckt habe.

"Religion ist etwas, das mich erleuchtet"

Was war das?

Ceglecki: Tatsächlich der Pastor der Gemeinde, in der ich heute lebe, da er einfach ein sehr bodenständiger, sehr intelligenter Mann ist. Ich kann sagen, dass Religion heute für mich - auch, wenn ich spiele - etwas ist, das mich erleuchtet. Ein Licht in mir, eine Kraft in mir, die dazu führt, dass ich so spiele, wie ich spiele. Ob das dann Gott ist oder ob das etwas anderes, Sphärisches ist, sei dahingestellt. Aber da gibt es offensichtlich etwas, was in solchen Momenten ein Licht anmacht.

Der Schauspieler und Regisseur Lars Ceglecki © Patrick Bieber Foto: Patrick Bieber

AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Lars Ceglecki (6 Min)

Sie haben mal gesagt: "Theater und Gottdienst haben viel gemeinsam." Was ist das?

Ceglecki: Ja, das ist tatsächlich ein Zitat eines katholischen Pfarrers, der meine Frau und mich getraut hat.

Aber was ist das aus Ihrer Sicht?

Ceglecki: Es ist das Zusammenkommen von Menschen zu einem bestimmten Thema, man hat ein gemeinsames Erlebnis und geht im besten Fall mit einer neuen Sichtweise, einem neuen Denkanstoß nach Hause. Und es ist natürlich immer wieder auch die Form von Gemeinschaft. Theater funktioniert eben erst durch das Publikum. Das hat man - gerade, wenn wir auf Corona blicken - gemerkt, als ganz viel Theater und Kultur im Internet lief. Da konnte man sehr gut sehen, dass Theater nicht funktioniert, wenn man in einem leeren Haus ohne Publikum spielt. Es braucht das Miteinander von denen, die spielen und von denen, die zugucken. Und das, glaube ich, ist im Gottesdienst genau das Gleiche. Es braucht den Pastor und es braucht die Gemeinde - und es braucht die Gemeinschaft.

Im Theater spielt Gott aber auch eine Rolle?

Ceglecki: Natürlich spielt er eine Rolle. Im Theater ist es der Moment, das Ereignis, das Licht, das gemeinsame Erleben der Situation. Ich glaube, dass das schon vergleichbar ist.

Redaktion: NDR

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NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 12.09.2020 | 07:45 Uhr

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