Julia Jünemann vom Frauenwerk Contra bei der Nordkirche © Nordkirche

Julia Jünemann: "Gott weckt in mir Kräfte und zeigt Auswege"

Stand: 09.09.2021 09:30 Uhr

Julia Jünemann ist Vorsitzende des Fördervereins der Fachstelle Contra beim Frauenwerk der Nordkirche. Die Fachstelle berät und unterstützt Frauen, die von Zwangsprostitution, Ausbeutung und Erpressung betroffen sind.

Psalm 18 ist ihr dabei eine wichtige Stütze: "Mit dir renne ich gegen Bewaffnete an, mit meiner Gottheit springe ich über eine Mauer."

Was ist für Sie der Kern dieses Verses?

Julia Jünemann: Für mich ist das ein Mutmach-Vers. Gott weckt in mir Kräfte, von denen ich nichts wusste und zeigt mir Auswege, die ich vorher nicht gesehen habe. Dieser Mut, der mich rettet, wird mir in dem Moment geschenkt, wo ich ihn am meisten brauche.

Frau Jünemann, Sie haben gesagt, dieser Vers hat etwas mit Ihrer Arbeit für die Fachstelle Contra zu tun. Erst einmal: Was macht die?

Jünemann: Die Fachstelle Contra, angesiedelt beim Frauenwerk der Nordkirche, ist eine Anlaufstelle für Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind. Das sind Frauen, die unter Vorspiegelung falscher Tatsache zum Teil mit Drogen und Erpressung in die Prostitution oder in andere ausbeuterische, zum Teil sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse gezwungen werden. Die Mitarbeiterinnen von Contra bieten Beratung in den jeweiligen Heimatsprachen an, sie unterstützen beim Kontakt mit Behörden und kümmern sich um sichere Unterbringungsmöglichkeiten.

"Mit dir renne ich gegen Bewaffnete an, mit meiner Gottheit springe ich über eine Mauer." Was genau sind da die Bewaffneten und was sind die Mauern, die Ihnen da entgegen stehen bei Ihrer Arbeit?

Jünemann: Die Bewaffneten sind vielfältig. Frauen werden deshalb Opfer von Menschenhandel, weil sie so arm sind. Die falschen Versprechungen, auf die sie dann hereinfallen, scheinen für sie der einzige Ausweg zu sein. Also die Bewaffneten sind für mich alle Profiteure von globaler Ausbeutung und Menschenhandel. Und die Mauern, die die Frauen gefangen halten, das sind auch die inneren Mauern von Angst und Scham. Wohin sollen sie gehen in diesem fremden Land und an wen sollen sie sich wenden? Wer wird ihre Sprache verstehen. Und was passiert ihnen und ihren Familien, wenn sie fliehen. Oder wie kann eine Frau aus einer Kultur mit strengen Moralvorstellungen jemals wieder mit Würde in ihrem Heimatland leben, wenn sie weiß und andere wissen, dass sie sich in Deutschland prostituiert hat. Das sind die Mauern.

Dann ist das schon eine Art von Sisyphusarbeit. Es klingt so, als wären diese Mauern gar nicht so einfach zu überspringen?

Jünemann: Das ist eine Sisyphusarbeit und wir leisten einen winzig kleinen Beitrag dazu, dass in konkreten Fällen für bestimmte Frauen in ihrer jeweiligen Situation Mauern überwunden werden können. Aber die große Mauer aus globaler Ungerechtigkeit zu überwinden, wird nur gelingen, wenn viele Menschen viele Beiträge leisten. 

Julia Jünemann vom Frauenwerk Contra bei der Nordkirche © Nordkirche
AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Julia Jünemann (6 Min)

Welche Rolle spielt Glauben für Ihr Engagement?

Jünemann: Ich bin davon überzeugt, dass Gott eine gerechte Welt will und dass jedes Leben vor Gott unendlich wichtig ist. Also kann Gott nicht wollen, dass Menschen wie Ware gehandelt und ihre Körper ausgebeutet werden - und ihre Würde zerstört wird. Und wenn Jesus uns aufruft, ihm nachzufolgen, dann bedeutet das, dass wir uns für Gerechtigkeit einsetzen und dass wir uns auf die Seite der Opfer stellen. So sehe ich meine Arbeit als ganz kleinen Beitrag dazu.

Haben Sie erlebt, dass Ihr Glaube diesen Frauen auch geholfen hat, mit der Situation besser umgehen zu können und sich auch daraus zu befreien?

Jünemann: Was die Frauen in hohem Maße durch den Kontakt zu Contra erleben, ist, dass sie gewertschätzt werden und dass ihre Würde gesehen wird. Das ist eine zutiefst christliche Verhaltensweise, dass sie als Menschen gesehen werden. Und das ist, glaube ich, etwas sehr Wichtiges. 

Abgesehen von Ihrer Arbeit für Contra, passt dieser Vers auch für Ihr privates Leben?

Jünemann: Den ersten Teil mit den Bewaffneten, habe ich bis vor einiger Zeit wenig persönliche Bedeutung beigemessen. In meinem Leben gab es keine Bewaffneten. Aber in letzter Zeit erlebe ich, wie in unserem Lande immer lauter gegen Toleranz, Vielfalt und auch gegen Gender zu Felde gezogen wird. Und ich befürchte, dass das, was Frauen sich in hundert Jahren erkämpft haben, plötzlich nicht mehr sicher ist. Und in mir wächst die Ahnung, dass es irgendwann Zeit wird, gegen diese Bewaffneten auch in meinem privaten Leben aufzustehen und ich wünsche mir den Mut dazu.

Wie stärken Sie Ihren Glauben?

Jünemann: Ich habe meine ersten Momente des Glaubens als Jugendliche erlebt. Da erreichte mich die Zusage, dass Gott mich, so wie ich bin, unendlich liebt, und ich konnte das körperlich spüren. Ich fühlte mich umhüllt und geborgen. Und das war unglaublich und überwältigend. Und wenn ich mich heute einsam und verloren, ohne Glauben, fühle, dann erinnere ich mich an diesen Tag und kann es wieder spüren. Dann weiß ich wieder, dass Gott immer bei mir ist, egal, wie sehr ich es gerade glauben kann. Und dann greife ich noch zur Bibel und finde meistens genau die Worte, die ich in dem Moment brauche.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

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NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 11.09.2021 | 07:40 Uhr

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