Die Schriftstellerin Iris Wolff © Annette Hauschild / Ostkreuz Foto: Annette Hauschild

Schriftstellerin Iris Wolff glaubt an Geschichten

Stand: 24.06.2021 09:10 Uhr

Für ihren Roman "Die Unschärfe der Welt" hat Iris Wolff 2021 den Evangelischen Buchpreis bekommen. Er ist, wie die Literaturkritiker sagen: "eine Liebeserklärung an das Leben".

"Ich glaube an Geschichten", sagt die Schriftstellerin aus Freiburg zu ihrem Lieblingsvers aus der Bergpredigt im Matthäus-Evangelium: "Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?" Darin heißt es weiter: "Seht die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen. Und Euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid Ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter Euch, der seines Lebenslänge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich darum sorgt?"

Was ist für Sie die Kernbotschaft dieser Verse?

Iris Wolff: Es geht ja um Schätze sammeln und Sorgen in diesem Kapitel. Also darum, worauf ich mein Augenmerk lege. Ist es die materielle Seite des Lebens oder ist es die geistige? Es gibt vorher auch noch so einen schönen Satz: 'Wo Dein Schatz ist, da ist auch Dein Herz.' Das heißt, mein Herz sollte leicht und hoffnungsvoll sein, weil für mich gesorgt wird. Wenn ich von meinen Sorgen aber nicht ablassen kann, mich nur auf die materielle Seite meines Lebens konzentriere und denke, dass das ganze Glück und Unglück meines Lebens immer nur von mir alleine abhängt, dann werde ich diese Leichtigkeit nicht finden, von der hier gesprochen wird.

Wo ist Ihnen dieser Text zum ersten Mal bewusst geworden?

Wolff: Ganz bewusst habe ich ihn bei meiner ersten Bibellektüre als erwachsene Frau wahrgenommen. Da war ich Anfang 20 und habe mit dem Matthäus-Evangelium begonnen. Es ging gerade in meinem Leben darum, zu entscheiden, wie es nach dem Abitur weitergeht. Andere Freunde haben ein Praktikum gemacht oder wussten schon lange, ob sie studieren oder welchen Beruf sie erlernen wollen. Ich war ziemlich ratlos in dieser Zeit. Die lange und durchaus auch als quälend empfundene Schulzeit hat bei mir nicht dazu geführt, dass ich ein besonderes Talent an mir feststellen konnte. Ich habe ein Jahr gebraucht, um zu entscheiden, was ich studieren werde. In dieser Zeit habe ich gejobbt, bin um die Welt gereist und habe die Bibel zu Rate gezogen.

Was hat Sie daran so angesprochen? Können Sie sich an die Situation erinnern?

Wolff: Diese Zeilen über die Vögel unter dem Himmel und später auch von den Lilien auf dem Feld haben mir gesagt, dass ich einen Wert habe. Also nicht nur Leute, die zielstrebig sind und gute Noten in der Schule hatten, sondern eben auch ich, die ich nicht wusste, in welche Richtung ich gehen soll. Und ich war schon immer eher träumerisch oder eher zuschauend. Und dieser Vers hat mir gesagt, dass ich mich nicht sorgen muss, dass für mich gesorgt sein wird.

Die Schriftstellerin Iris Wolff © Annette Hauschild / Ostkreuz Foto: Annette Hauschild
AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Iris Wolff (9 Min)

Es geht in diesem Vers um eine Sorge, sich selbst definieren zu müssen oder sich eine Daseinsberechtigung schaffen zu müssen?

Wolff: Es entbindet mich von der Sorge, dass ich allein verantwortlich bin oder einem bestimmten Bild entsprechen muss, das ich mir von mir selbst oder sich andere von mir gemacht haben. Dieser Vers sagt, dass ich so gut bin, wie ich bin.

War diese Erkenntnis dann auch etwas, was Ihnen geholfen hat, Schriftstellerin werden zu können?

Wolff: Es ist immer noch ein Vers, den ich auf eine Art und Weise sehr brauche, weil diese Sorge nichts ist, was man einfach abschüttelt. Es ist etwas, das im Leben immer wiederkommt. Und wer sich wie ich, für die Kunst entscheidet, dann ist das immer auch ein Weg einer großen Unsicherheit. Es gibt bei mir am Anfang jeden Jahres diesen Moment, wo ich feststelle: Ich komme über die Runden, für dieses Jahr sind die Aufträge gut, ich habe Lesungen, Veranstaltungen oder mir wurde ein Stipendium zugesprochen. Darüber hinaus ist immer die Frage da, wie lange werde ich das überhaupt machen können? Also wie lange werden mir Geschichten einfallen.

Ich dachte, dass Sie gerade mit Geschichten genährt werden, oder?

Die Schriftstellerin Iris Wolff © Annette Hauschild / Ostkreuz Foto: Annette Hauschild
Geschichten haben schon immer das Leben von Iris Wolff geprägt.

Wolff: Geschichten waren schon ganz früh Teil meines Lebens. Mein Vater ist evangelischer Pfarrer, ich bin auf einem Pfarrhof in Banat aufgewachsen und diese biblischen Geschichten waren Teil meiner Wahrnehmung oder auch der Deutung der Welt. Er hat mir Geschichten aus dem Alten Testament erzählt: Daniel in der Löwengrube und Elias, wie er von einem Raben gespeist wurde, Joseph im Brunnen.

Ich dachte aber, dass Ihnen auch weiter Geschichten einfallen, weil sie als Schriftstellerin so etwas wie ein Medium sind, durch das Geschichten fließen ...

Wolff: Genau. Ich habe festgestellt, dass Geschichten besser fließen, je größer die Hingabe ist. Umso eher fallen mir Geschichten ein, sie werden mir geschenkt, weil das Schreiben auch immer Disziplin und Kontinuität ist. Dazu gehört auch zu verzweifeln, zu suchen und nicht weiterzuwissen. Aber letzten Endes werden einem diese Geschichten auch immer geschenkt. So empfinde ich das zumindest.

Haben Sie selbst jetzt eine religiöse oder spirituelle Praxis?

Wolff: Für eine spirituelle Praxis ist mein Mann eine wichtige Kraft. Ich selbst neige zu einer gewissen Innerlichkeit oder einem hoffnungsvollen Warten. Mein Mann geht mit gutem Beispiel voran. Er ist Katholik und hat uns dieses Jahr ein Buch besorgt, das wir abends gemeinsam lesen: 'Mit der Bibel durch das Jahr - ökumenische Bibelauslegung'. Und wir entscheiden dann auch immer, in welche Kirche wir gehen - in seine oder meine.

Wer ist unter Euch, der seiner Lebenslänge eine Spanne zusetzen könnte? Wie gehen Sie mit dem Thema Endlichkeit um?

Wolff: Diese Begrenzung ist für die Kunst unglaublich wichtig. Ich glaube, dass wahre Kunst, also Kunst, die uns berührt und uns neue Bilder schenkt, uns die Welt anders wahrnehmen lässt, uns näher zu anderen Menschen rückt, dass sie davon lebt, dass es diese Endlichkeit gibt. Ich glaube, man kann die Welt oder andere Menschen nur dann mit ganzem Herzen lieben, weil man nicht weiß, wie lange sie einem geschenkt werden oder wie lange die Spanne ist, die man selbst auf der Welt hat. Das treibt mich an, sowohl mich wahrhaftiger kennenzulernen als auch die Welt. Und mein Leben zu nutzen, etwas daraus zu machen. Man hat nicht unendlich viel Zeit ... Und Kunst verhandelt letztlich genau diese Endlichkeit und die Liebe, die daraus erwächst. Aber auch das Leid, das dadurch entsteht.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

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NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 26.06.2021 | 07:40 Uhr

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