Stand: 11.06.2020 12:00 Uhr

Ekhart Hahn: "Jesus verkörpert das Liebesprinzip"

Ekhart Hahn ist einer der Pioniere auf dem Gebiet des ökologischen Städtebaus. Den Beginn des Johannes-Evangeliums meditiert Ekhart Hahn jeden Tag: "Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort." Es sei seine Schöpfungsgeschichte, verrät der Architekt im Interview mit der Kirche im NDR. Es gebe für ihn ein Schöpfungsgeheimnis. Was war der Urbeginn allen Seins? Und das empfinde er in diesem Satz. Im Urbeginn war das das Wort, war der Logos, also ein Geheimnis, was eigentlich unsere Denk- und Erkenntniskraft übersteige. Dieses Schöpfungsgeheimnis, das sei für ihn das Göttliche oder eigentlich Gott.

Der Architekt und Stadtökologe Ekhart Hahn © Daniel Faro Foto: Daniel Faro
Ekhart Hahn ist Leiter und Autor des Projektes "Eco-City in Wünstorf", einer CO2-neutralen Zukunfts- und Ausbildungsstadt in Brandenburg.

Das bedeutet, man soll Logos nicht weiter mit Sinn oder mit Weisheit übersetzen, sondern es soll so eine Art Chiffre oder ein Code bleiben?

Eckhart Hahn: Ja, wobei bei dem Begriff "Logos" kommt auch schnell ein Missverständnis auf, weil wir ihn immer als Ergebnis von Denken und Logik verstehen und das hat nichts mit dem Logos im Sinne von Logik zu tun, sondern das ist schon etwas Geistiges. Das beinhaltet sowohl den materiellen Schöpfungsakt, denn die Erde und der Kosmos ist etwas Materielles, als auch Geistliches und Spirituelles.

Es heißt dann ja auch weiter: "Und das Wort wurde Fleisch und wohnte mitten unter uns." Da ist auch ein sinnlicher Aspekt mit dabei.

Hahn: Damit ist Jesus Christus gemeint und für mich ist es ganz wesentlich, da Jesus Christus die Verkörperung des Liebesprinzips ist. Es ist ein wesentliches Element der Schöpfung. Das ist, bezogen auf meine Biografie interessant, weil ich lange Zeit eigentlich keine so rechte Beziehung mehr zu dieser spirituell religiösen Dimension hatte. Ich bin evangelisch und meine Vorfahren waren Pastoren in Hinterpommern. Deshalb spielt das in meiner Familiengeschichte eine große Rolle. Aber ich bin über einen Sufi-Scheich zurückgekommen, mit dem ich eine Zeit lang eine doch recht enge Beziehung hatte und von dem ich sehr viel gelernt habe. Er hat mir nahegebracht, dass jetzt im Islam und für die Sufi der größte Prophet Jesus Christus ist und das wichtigste Lebensprinzip - das der Liebe - verkörpert. Und das hat der so überzeugend dargestellt und auch gelebt - das war ein ganz wichtiger Impuls für mich.

Sie sagten, für Sie ist das die Schöpfungsgeschichte. Manche sagen auch, es ist eine Art Weihnachtsgeschichte. Beides hat gemeinsam, dass es nicht nur am Anfang der Zeit stattfinden kann, oder?

Hahn: Ich verwende es jetzt in meiner Familie häufig auch als Weihnachtsgeschichte. Das ist durchaus richtig. Es ist Weihnachtsgeschichte, es ist Schöpfungsgeschichte, es ist einfach der Urbeginn alles Seins. Aber mich begleitet deshalb dieses Wort fast täglich und es mir sehr wichtig.

Sie meditieren diese Worte?

Hahn: Ja.

In welcher Form? Mögen Sie das erzählen? Lesen Sie die?

Hahn: Die sind eins geworden mit mir. Ich spreche sie, auch laut. Ich verwende sie auch gern, wenn ich einfach nur eine Blüte, ein Blatt oder die Natur angucke.

Also dieses Meditieren in eine Blüte oder Samenkorn, in dem eine Frucht schon vorgezeichnet ist, das ist für mich ganz wichtig, weil sich - ich sage mal - mein tägliches Tun oder mein Beruf und meine Arbeit in diesen Schöpfungsprozess einfügen muss. Das ist ein ewig andauernder Prozess, in dem wir als Menschen mit unserem Tun stehen und den wir auch immer wieder rückkoppeln mit übergeordneten, größeren Zusammenhängen müssen. Und da würde ich schon sagen, dass wichtigste oder das klügste, umfassendste Buch und Wissen, dem ich in meinem Leben begegnet bin, das ist schon die Bibel.

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Der Architekt und Stadtökologe Ekhart Hahn © Daniel Faro Foto: Daniel Faro
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Im Anfang war das Wort mit Ekhart Hahn

"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott": Das Liebesprinzip ist ein wesentliches Element der Schöpfung und zentral für meine Arbeit, sagt Stadtökologe Ekhart Hahn zu Johannes 1,1. 10 Min

Sie sprachen jetzt die Ästhetik an. Was für eine Rolle spielt die für Ihre Arbeit?

Hahn: Alles, was ich in der Natur erleben kann, ob Blüte, Landschaft, Sternenhimmel, Kosmos, Mikro- oder Makrokosmos, das ist in seiner Schönheit und Ästhetik so faszinierend. Und wenn man dann genauer guckt, hat alles was nicht ästhetisch ist meistens keine langen Überlebungschancen. Das ist in der Natur so. Und wenn wir uns die Geschichte der Zivilisation und Menschheit angucken, dann sehen wir, dass sich die Menschen, so lange wir das rückverfolgen können, sich ebenfalls an dieser Schönheit orientiert haben. Dieses Prinzip ist erstmals in der Nachfolge der industriellen Revolution, in der modernen Zeit durchbrochen worden, als man glaubt, Rendite und Funktion reichen - und die Schönheit ist nur Beiwerk.

Aber dass man das so vernachlässigt, ist für mich auch ein zentraler Grund für ökologische Fehlentwicklungen der Moderne. Deshalb sage ich und das ist ein ganz wesentliches Prinzip: Eine ökologische Stadt, da geht es nicht nur um CO2 und Mobilität, sondern sie kann nur dann nachhaltig sein und langfristig überlebensfähig, wenn sie auch schön wird.

Ist Gott denn glücklich schön? Es wird mit der Ästhetik auch gebrochen, weil schön ist es nicht, wenn ein Gott am Kreuz stirbt.

Hahn: Ich habe mich mit dieser Frage auch oft beschäftigt. Das ist ein bisschen eine Definitionsfrage, was man unter Schönheit versteht. Für mich gehört der Tod … das Sterben und Ableben und neues Leben schaffen in dieses Schönheitsprinzip mithinein.

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Welche Rolle spielt dieser Vers für Ihre Arbeit?

Hahn: Wissenschaft ist wichtig. Also man kann viel mit Ratio, mit rationalen Überlegungen und Wissenschaft machen, aber das geht auch darüber hinaus. Und dieses Darüber hinaus, das ist für mich Johannes 1. Der Urbeginn war das Wort und das Wort eben als Schöpfung, der Urbeginn des Seins. Dieses Darüber hinaus ist wichtig, weil man sich in der Wissenschaft auch schnell verlaufen und zu Fehlschlüssen kommen kann. Deshalb braucht man noch Orientierungen, die über der Wissenschaft liegen.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 13.06.2020 | 07:45 Uhr

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