Sendedatum: 10.04.2020 08:20 Uhr

Feridun Zaioglu spricht über "Sterbensworte"

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Letzte Wort zu schreiben, sind auch für Schriftsteller Feridun Zaimoglu ein Kraftakt.

Letzte Worte. Mal dahingehaucht, dann vorausahnend auf Papier notiert, oder geschrien auf dem Weg zum Schafott. Schon immer haben sie Menschen fasziniert. Warum? Ich verabrede mich mit Feridun Zaimoglu. Er ist Schriftsteller, lebt in Kiel, beschäftigt sich auch mit religiösen Themen - hat sogar einen Luther-Roman geschrieben. Doch dann kommt die Corona-Krise, uns bleibt nur das Telefon. Es wird ein rauschendes Gespräch voller Knistern.

"Wenn diese Worte richtig überliefert worden sind, dann beeindrucken sie, weil hier stirbt ein Mensch und sagt die letzten Worte bevor ihm die Seele entfährt … " Wahrheit. Sie kristallisiert sich in Sterbensworten, vermutet William Shakespeare. Auch andere empfinden das so. Der Moment macht sie besonders. Im 17. Jahrhundert entstehen in Europa Sammlungen mit letzten Worten von Königinnen, Religionstiftern, Freiheitskämpfern, beeindruckenden Frauen und Männern.

Es lebe die Freiheit (Hans Scholl, 1943) ... Jesus Christus empfehle ich meine Seele (Anne Boleyn, 19. Mai 1536) ... Wir sind Bettler. Das ist wahr (Luther, Notizzettel 1546) ...

Letzte Worte bedeuten für Zaimoglu "innere Kämpfe"

Als Journalist und Schriftsteller hat Feridun Zaimoglu häufig mit letzten Worten zu tun. Den Schlusspunkt einer Geschichte zu setzen, koste ihn viel Kraft, sagt er. Geistig und körperlich. Er unternimmt dafür lange Spaziergänge durch seine Stadt, denn es gilt Abschied zu nehmen. Wenn die Geschichte etwas tauge, dann sei dieser letzte Satz auch richtig. Aber den könne er nur setzen nach vielen Monaten der inneren Kämpfe. Denn er habe sich in einer Welt behauptet, die nicht die seine sei, erzählt Zaimoglu. 

Letzte Worte. Ein Kraftakt. Meist kurz, nicht mehr als ein Satz, dafür bedeutungsschwer. Bewusst gesprochen oder aufgeschrieben sind sie Vermächtnis des Sterbenden und Kompass für die Lebenden. Die Menschen des Mittelalters haben sich darauf vorbereitet - mit Gebeten und Formeln. Diesen Moment vorauszuahnen, schwer möglich, sagt Feridun Zaimoglu. Dennoch hat er einen Wunsch, eine Idee. Seine letzten Worte: Wartet auf die Auferstehung. Das wär' etwas, woran er glaube. An diese Worte. Nicht an seine eigenen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 10.04.2020 | 08:20 Uhr