Eine Gedenkstätte für das KZ Bergen-Belsen. © NDR

Erinnerung an das Kriegsende vor 76 Jahren

Stand: 06.05.2021 10:26 Uhr

Für Sieghard Wilm ist sie eine mahnende Prophetin unserer Zeit: die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano. Sie hat angeregt, den 8. Mai, den Tag der Befreiung, zum gesetzlichen Feiertag zu machen.

von Pastor Sieghard Wilm

Ich werde diese Begegnung mit ihr nie vergessen. Esther Bejarano, Überlebende des Massenmords durch die Nationalsozialisten. Diese kleine Frau, in ihrem hohen Alter immer noch voller Energie, unbeugsam und für viele auch unbequem. Stimmen wie ihre gibt es heute nur noch wenige. Sie ist Zeitzeugin eines dunklen Kapitels in Deutschland.

Als junges jüdisches Mädchen hat sie im Vernichtungslager in Auschwitz Akkordeon gespielt - das habe ihr das Leben gerettet, sagt sie. Der jungen Generation, Schülerinnen und Studenten hat die heute 97-Jährige immer wieder ihre Geschichte anvertraut. Das verdient großen Respekt. Gerade jungen Menschen erscheint die Gewaltherrschaft des Faschismus sehr lange her.

Der "Tag der Befreiung" als gesetzlicher Feiertag?

Vor 76 Jahren, am 8. Mai 1945, brach der Mordapparat der Nationalsozialisten zusammen, das Deutsche Reich kapitulierte vor den Alliierten. In einem offenen Brief hat Esther Bejarano gefordert, der 8. Mai müsse als "Tag der Befreiung" ein gesetzlicher Feiertag werden. Dabei geht es der Ehrenvorsitzenden des Bundes der Antifaschisten nicht nur um vergangenes Unrecht. Sehr wach und sehr besorgt schaut sie unsere Gegenwart an. Da werden auf den Straßen und im Internet Stimmen laut, die hetzen und spalten, die verachten und ausgrenzen.

Esther Bejerano will für die kommenden Generationen eine Zukunft, in der Gewalt, Rassismus und Krieg keinen Raum haben. In ihrem Offenen Brief heißt es: "Ich will, dass wir alle aufstehen, wenn Jüdinnen und Juden, wenn Roma oder Sinti, wenn Geflüchtete, wenn Menschen rassistisch beleidigt oder angegriffen werden!" Soweit Esther Bejarano, die für mich wie eine mahnende Prophetin unserer Zeit ist. In der Bergpredigt sagt Jesus: "Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen." Wer zum Frieden JA sagt, muss zum Faschismus NEIN sagen. Insofern bin ich als Christ auch Antifaschist.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 07.05.2021 | 09:45 Uhr

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