Stand: 15.05.2020 15:32 Uhr

Die Spiritualität der Natur neu entdecken

von Julia Heyde de López
Ein Bach fließt eine Fischtreppe aus Steinen herunter. © NDR Foto: Gabriele Riech aus Kuchelmiß
Es gilt, den Sinn für die Spiritualität der Natur neu zu entdecken, sagt der Theologe Ian Bradley.

Draußen sein. Bäume umarmen. Ein Waldbad nehmen. Es gibt wenig, was derzeit so guttut. Da kann man die heilende Kraft der Natur spüren - und ihre Spiritualität, sagt Ian Bradley, Theologe und Autor aus Schottland. Wenn man auf die biblische Schöpfungsgeschichte schaue, wo steht "Gott sah, dass es gut war", dann fange man an, auch die Spiritualität der Steine wahrzunehmen oder die Spiritualität des Wassers, des Windes oder der Bäume, sagt er. Das sehe man auch in der vorchristlichen keltischen Mythologie. "Damals gab es ein starkes Gespür dafür, dass Steine eine Seele haben, und die Bäume und das Wasser auch."

Bradley räumt ein, dass manche Christen sich bei dem Gedanken an eine beseelte Natur unbehaglich fühlten. Über das Thema schreibt er auch ein Buch. Seine These: Das Christentum sei seinem Wesen nach eine sehr grüne Religion, und das sei über Jahrhunderte falsch interpretiert worden. "Wir müssen jetzt den Sinn für die Spiritualität der Natur neu entdecken - die Predigt der Steine verstehen sozusagen - und sehen, dass in Gottes Schöpfung alles von seiner Größe und seiner Güte zeugt - nicht nur die Menschen. Und vielleicht sind wir als Menschen gar nicht der Mittelpunkt der Schöpfung, vielleicht spielen wir eine viel kleinere Rolle als wir denken", so Bradley.

Der Mensch – nicht Zentrum der Schöpfung?

Als Beispiel für so ein Missverständnis zitiert er das erste Buch der Bibel, wo Gott dem Menschen nach landläufiger Vorstellung die "Herrschaft" über die Schöpfung überträgt. Der hebräische Text spreche aber eigentlich von "Verantwortung" oder einer Art "wohlmeinenden Verwaltung", erklärt Bradley. Für Gott ist seine gesamte Schöpfung wichtig.

Dank einer feministischen und ökologischen Theologie begriffen wir endlich, dass wir nicht das Zentrum der Schöpfung seien, so der Theologe aus Schottland. "Wir haben uns als Herrscher gefühlt, das ist wohl so eine Männlichkeitssache, und jetzt, Gott sei Dank, haben Frauen mehr Einfluss in den protestantischen Kirchen, und wir sehen ein, dass der Mensch nicht das A und O der Schöpfung ist. Wir sind vielleicht in Gottes Ebenbild geschaffen, aber das bedeutet dann im Ebenbild eines Gottes, der sich kümmert, der möglicherweise mitleidet, ein Gott, der sehr nah dran ist an allem, was er geschaffen hat."

Und wie wunderbar und großartig ist es, ein kleiner Teil dieser Schöpfung zu sein!

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 17.05.2020 | 09:15 Uhr

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