Stand: 27.07.2020 09:52 Uhr

Die Bettlerin

von Thomas Drope
Jesus erklärte: Was du einem meiner geringsten Brüder nicht getan hast, das hast du mir nicht getan.

Gerade habe ich Geld aus dem Automaten geholt. Jetzt schnell rüber zum Bahnhof. Mein Zug fährt in vier Minuten. In der Eingangstür zur Bahnhofshalle schiebt sich eine junge Frau in meinen Weg. Zwischen Mund-Nasen-Schutz und Kapuze sieht sie mich aus klaren blauen Augen an. Sie hält eine Hand geöffnet hoch und fragt: Haben Sie ein paar Münzen für mich?

Ihre Stimme klingt zart. Ich habe Mühe, sie zu verstehen. Ich krame mein Portemonnaie hervor. Im Münzfach sind ein paar Centstücke. Die gebe ich ihr und sage: Mehr habe ich leider nicht. Sie bedankt sich mit leiser Stimme. Ich eile weiter zu meinem Zug.

Wort Jesu entlarvt faule Ausreden

Im Zug dann schäme ich mich: Gerade hast du dir ein paar Scheine aus dem Bankautomaten geholt, und im nächsten Moment sagst du zu einer Frau, die deine Tochter sein könnte: Ich habe nur ein paar kleine Münzen! Lügner! Ich hätte ihr mehr geben können. Vor meinem Gewissen versuche ich mich zu rechtfertigen: Sie hat ja nur nach Münzen gefragt und nicht nach Scheinen. Und ich war in Eile! Alles nur faule Ausreden.

Mir fällt das harte Wort von Jesus ein: Was du einem meiner geringsten Brüder nicht getan hast, das hast du mir nicht getan. In diesem Fall ist die junge Frau Jesus, dem ich nichts gegeben habe.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 28.07.2020 | 18:12 Uhr

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